Abtreibung Die Anhörung zu Mifepriston ist der wohl folgenreichste Fall im Zusammenhang mit Abtreibungsrecht seit der Aufhebung des Urteils Roe v. Wade vor fast zwei Jahren


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Demonstrierende vor dem Obersten Gericht der USA in Washington

Demonstrierende vor dem Obersten Gericht der USA in Washington

Foto: Anna Rose Layden/Getty Images

Pro-Choice und Pro-Life Aktivist:innen protestierten Mitte März auf den Stufen des Obersten Gerichtshofs der USA. Hinter dessen marmorierten Säulen hörten die Richter:innen zu diesem Zeitpunkt Argumente in dem folgenreichsten Fall im Zusammenhang mit dem Abtreibungsrecht, seitdem das Urteil Roe vs. Wade vor fast zwei Jahren aufgehoben wurde. Dabei geht es um den Zugang zu dem Abtreibungsmedikament Mifepriston, das bei fast zwei Dritteln aller Abtreibungen, die in den USA durchgeführt werden, eingesetzt wird.

In konkurrierenden Aussagen vor Gericht berichten die Befürworter:innen der unterschiedlichen Positionen über ihre Erfahrungen mit der Abtreibung. Eine Rednerin schildert, wie die Erfahrung mit Mifepriston sie dazu brachte, die Prozedur zu meiden. Eine ande

der Abtreibung. Eine Rednerin schildert, wie die Erfahrung mit Mifepriston sie dazu brachte, die Prozedur zu meiden. Eine andere erzählt, wie ihre Entscheidung, ihre Schwangerschaft abzubrechen, ihr ermöglichte, eine missbräuchliche Beziehung zu verlassen und wieder ihrem medizinischen Beruf nachzugehen.„Diese Dinge sollte ich weder Fremden noch Politikern offenbaren müssen, damit meine Entscheidung respektiert wird“, sagt Brittany House, eine Patient:innenvertreterin von Planned Parenthood, vor Hunderten von Abtreibungsbefürworter:innen. „Eine Abtreibung“, so House weiter, „sollte eine Angelegenheit zwischen einer Patient:in und der Person, die die Abtreibung durchführt, sein.“ Einige Meter weiter liegt eine Gruppe von Abtreibungsgegner:innen, mit roten Luftballons mit der Aufschrift „abortion kills“ (Abtreibung tötet) auf dem Boden. Eine schwangere Frau hatte „fully human“ (ein vollständiger Mensch) auf ihren nackten Bauch gekritzelt.„Wir würden gerne sehen, dass die amerikanische Arzneimittelbehörde einen wirklichen Schritt nach vorn macht und einige vernünftige Schutzmaßnahmen für Frauen wieder einführt“, sagt Felipe Avila von der National Association of Pro-Life Nurses, einem abtreibungsfeindlichen Zusammenschluss von Pflegepersonal, und wiederholt damit die umstrittene Behauptung, die von der Behörde zugelassene Pille sei gefährlich.Immer mehr Abtreibungen im eigenen ZuhauseSeit der Supreme Court im Juni 2022 den bundesstaatlichen Schutz für Abtreibungen aufgehoben und damit den Weg für fast zwei Dutzend Bundesstaaten geebnet hat, den Zugang zu Abtreibungen einzuschränken oder zu verbieten, ist die Zahl der selbst vorgenommenen Abtreibungen sprunghaft angestiegen. Jahrzehntelange Forschung hat ergeben, dass eine Kombination aus Mifepriston und Misoprostol eine sichere und wirksame Methode für den Abbruch einer Schwangerschaft im ersten Trimester ist. „Es ermöglicht den Zugang zu einem medikamentösen Schwangerschaftsabbruch im Komfort und der Privatsphäre des eigenen Zuhauses“, so Divya Shenoy, Ärztin für Familienmedizin und Leiterin der Primärversorgung bei Planned Parenthood Washington. „Diese Möglichkeit nicht zu haben, wäre für viele Patient:innen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen wollen, eine große Herausforderung“.Im Gerichtssaal zeigt sich die Mehrheit der Richter:innen skeptisch gegenüber den Argumenten einer Gruppe von Abtreibungsgegner:innen, die sich für eine Einschränkung des Zugangs zu Mifepriston aussprechen. Draußen dröhnt Popmusik, während sich die Aktivist:innen einen erbitterten Schlagabtausch liefern, der wenig dazu beiträgt, Befürworter:innen einer der am tiefsten verwurzelten Überzeugungen des amerikanischen Lebens für die Gegenposition zu gewinnen.Eine junge Abtreibungsgegnerin trug eine gebundene Version des Heritage Foundation-Projekts 2025 bei sich, ein 887-seitiger konservativer politischer Entwurf für eine zweite Amtszeit Trumps, der den nächsten Präsidenten anweist, mit dem Kongress zusammenzuarbeiten, „um den stärksten Schutz für das ungeborene Leben durchzusetzen, den der Kongress unterstützen wird.“Eine Pro-Choice-Aktivistin kam als Anthony Comstock verkleidet, der im 19. Jahrhundert als Kreuzritter gegen die Unzucht für den gleichnamigen Comstock Act verantwortlich war. Einige Konservative und Trump-Verbündete sehen in der Durchsetzung des Gesetzes von 1873, das den Versand von „unzüchtigem“ Material verbot, darunter auch Medikamente, die zum Schwangerschaftsabbruch verwendet werden könnten, einen möglichen Weg, um Abtreibungen landesweit ohne den Kongress zu verbieten. Die Abtreibungs-Aktivistin, die Koteletten und einen Zylinder trägt und als Comstock spricht, sagt: „Ich bin zurück als Vertreter des Jahrhunderts, in das sie uns zurückbringen wollen.“Der Fall, der im Juni entschieden werden soll, könnte tiefgreifende Auswirkungen auf das Rennen um das Weiße Haus haben. Selbst wenn konservative Gesetzgeber den Zugang zur Abtreibung einschränken, haben sich die Wähler:innen an der Wahlurne wiederholt für den Schutz der Abtreibung entschieden, selbst in tief republikanischen Staaten.Abtreibung: Das bestimmende Wahlkampfthema für 2024?Julie von Haefen, eine demokratische Abgeordnete aus dem umkämpften Bundesstaat North Carolina, die an der Kundgebung vor dem Obersten Gerichtshof teilnahm, sagt, dass Abtreibung ein bestimmendes Thema der US-Präsidentschaftswahl 2024 sein werde, insbesondere in Vorstadtgebieten wie ihrem Wahlbezirk. „Nach Trump sind die Frauen in den Vorstädten aufgestanden und haben gesagt: ,Wir wollen das nicht, wir wollen keine weiteren Verbote, wir wollen in der Lage sein, unsere Gesundheitsentscheidungen selbst zu kontrollieren‘“, berichtet von Haefen in einem Interview. „Das ist definitiv etwas, worüber die Leute in Gegenden wie meiner viel reden“.Als Hinweis darauf, wie wichtig die Befürworter das Thema für diese Wahl halten, tragen die Aktivist:innen Wahlkampfschilder mit der Aufschrift „Mife & Miso 2024“. Kurz vor Beginn der Anhörung schluckt Mira Michels von Aid Access, einer Organisation, die Abtreibungspillen an Menschen in den USA verschickt, eine Mifepriston-Pille, die ihr von einem umherfahrenden „Roe-Bot“ ausgehändigt wird. Nachdem sie einen Schluck Wasser getrunken hat, erklärt sie: „Schmeckt wie Freiheit.“Die Roboter werden von Bundesstaaten aus ferngesteuert, in denen es sogenannte Schutzgesetze gibt, die Ärzt:innen schützen, die Patient:innen in Bundesstaaten behandeln, in denen die Durchführung von Abtreibungen illegal ist. In der Praxis würde eine Patientin einen Termin zur telemedizinischen Betreuung mit einem Anbieter vereinbaren, und die Maschine würde ihr dann die Pille verabreichen.Laut Rebecca Gomperts, einer niederländischen Ärztin und Gründerin von Aid Access, sollen die Maschinen zeigen, dass die Menschen nicht mehr im Mittelalter, sondern im 21. Jahrhundert lebten.Unabhängig davon, wie die Richter:innen entscheiden, sagt Gomperts, ihre Gruppe werde weiterhin Wege finden, um amerikanischen Frauen den Zugang zu medikamentösen Abtreibungen zu ermöglichen. „In diesem Fall geht es nicht darum, das Medikament vom Markt zu nehmen“, erklärt sie. „Es wird also weiterhin verfügbar sein, und unsere Anbieter werden es weiterhin an Frauen in allen 50 Staaten liefern.“



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Von Veritatis