Zeitgeschichte Der US-Inlandsgeheimdienst jagt neben Schwerverbrechern vor allem Kommunisten, die „unamerikanischer Umtriebe“ beschuldigt und zermürbt werden sollen. Bis heute ist unklar, wie viele KP-Mitglieder zugleich FBI-Informanten waren


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Ausgabe 18/2024

FBI-Chef Edgar Hoover: Als erklärter Antikommunist dient er acht US-Präsidenten

Fotos: NY Daily News Archive/Getty Images, Greg Mathieson/Mai/Getty Images

Als FBI-Direktor hat J. Edgar Hoover die politische Geschichte der USA wohl geprägt wie kaum ein anderer Staatsbediensteter. Es darf spekuliert werden, wie sehr der langjährige FBI-Chef progressiven Bewegungen mit Spitzeln und Störkampagnen, Zermürbung und Zerstörung geschadet hat. Justizminister Harlan Fiske Stone ernannte den 29-jährigen Hoover am 10. Mai 1924 zum amtierenden Direktor des Bureau of Investigation – später Federal Bureau of Investigation (FBI). Überliefert ist Hoover als fülliger, eher grimmig dreinblickender Bürokrat. Fotos aus den 1920er Jahren zeigen freilich einen schlanken Mann mit dunklen Augen, Typ Medienstar.

Hoovers Buch „Masters of Deceit“

Angeblich hat der 1895 in der Hauptstadt Washington geboren

Washington geborene und 1972 verstorbene Hoover als junger Mann mit dem Gedanken gespielt, Pastor zu werden. Es kam anders: Beinahe fünf Jahrzehnte lang war er Direktor der Ermittlungsbehörde FBI, der zentralen Sicherheitsagentur der USA, zuständig für Spionageabwehr, Aufklärung von Schwerverbrechen und zudem eine Art politische Polizei. Der Mann hat Daten gesammelt; er hatte Macht.Die FBI-Website fasst heute zusammen, Hoover habe „eine kleine, weitgehend unbekannte Behörde zu einer hervorragenden nationalen Sicherheitsorganisation“ gemacht, die Amerika „vor einer Vielzahl ernsthafter Bedrohungen“ schütze, doch sei Hoovers Amtszeit „nicht ohne Fehltritte gewesen“. Zur Zeit seiner Ernennung arbeitete er im Justizministerium, er war dort im Einsatz gegen die 1919 in den USA als „eine kleine, schlecht organisierte Gruppe von Fanatikern“ gegründete Kommunistische Partei, wie Edgar Hoover 1958 in seinem großen antikommunistischen Werk Masters of Deceit schrieb. Die Partei sei im Laufe der Jahre zu einem „Arm der Revolution“ geworden, was die USA zum Hauptziel des internationalen Kommunismus gemacht habe.„Junger Mann, ich will Sie als amtierenden Direktor des Bureau of Investigation“, habe Minister Stone bei Hoovers Ernennung gesagt, heißt es in der 2023 erschienenen Hoover-Biografie G-Man: J. Edgar Hoover and the Making of the American Century von Beverly Gage. „Ich nehme den Job“, soll Hoover entgegnet haben. Er setzte auf Professionalismus und auf Technologien in einem neuen FBI-Labor, das Fingerabdrücke auswerten sollte. Hoover lag im Trend. In den 1930er Jahren setzte die Behörde Gangstern nach mit Namen wie „Baby Face“ Nelson, George „Machine Gun“ Kelly, „Pretty Boy“ Floyd und John Dillinger. Umso medienwirksamer war es, wenn Verbrecher den Schusswechsel mit Hoovers Männern nicht überlebten.Als in Deutschland die Nazis an die Macht kamen, warnte Hoover vor Nazi-Sympathisanten im eigenen Land. 1941 hat das FBI nach eigener Darstellung einen massiven deutschen Spionagering unter einem Mann namens Frederick „Fritz“ Joubert Duquesne ausgehoben. 33 Männer wurden vor Gericht gestellt und verurteilt. Präsident Franklin D. Roosevelt förderte den Ausbau der Behörde. Die Nazis waren bald Geschichte und Hoovers Männer gerüstet für den Kampf gegen den Kommunismus.Schwarze und Weiße? Kommunisten!Sowjetische Agenten hätten Fuß gefasst in Regierungsstellen, hieß es, selbst im „Manhattan Project“ zum Bau der Atombombe in den 1940er Jahren. Kommunisten waren in den USA aktiv in den Gewerkschaften und in progressiven Verbänden für Bürgerrechte. Letzteres galt seinerzeit als „radikal“. Wenn ein Verband schwarze und weiße Mitglieder hat, müssen Kommunisten involviert sein, hieß es Mitte des 20. Jahrhunderts: In den USA habe die „gottlose Kommunistische Partei mehr Mitglieder gehabt als die Partei in Russland, als sie die Macht ergriff“, warnte Hoover. Im Jahr 1944 seien es 80.000 gewesen. Es begann eine Zeit der Verdächtigungen gegen „unamerikanische Umtriebe“. Vollkommen unklar ist, wie viele KP-Mitglieder FBI-Informanten waren. Hoover hatte da einigen Erfolg. Am bekanntesten und prominentesten unter den FBI-Informanten waren Morris und Jack Childs. Von 1958 bis 1977 hätten die Brüder als Repräsentanten der amerikanischen KP beinahe 60 Reisen in die UdSSR und andere Ostblockländer unternommen, heißt es in einer Dokumentation, die vom Center for the Study of Intelligence veröffentlichte wurde, einem Thinktank der CIA.Am 8. März 1971 kam es in New York City zum „Boxkampf des Jahrhunderts“ – Joe Frazier gegen Muhammad Ali, Letzterer Mitglied der radikalen „Nation of Islam“ und Verweigerer des Kriegsdienstes in Vietnam. Millionen Menschen verfolgten den Kampf, der symbolisch war. Ali stand für das junge, progressive Amerika, das Hoovers FBI schwer zu schaffen machte und komplexer war als die an Bedeutung verlierende KP. Frazier gewann und ließ sich ein paar Wochen danach im Weißen Haus mit Präsident Richard Nixon und First Lady Pat Nixon fotografieren.Für Hoover war die Nacht des Kampfes eine Katastrophe. Er hatte nicht mit einer Aktionsgruppe namens „Citizens’ Commission to Investigate the FBI“ gerechnet: Acht Leute, die das Prinzip gewaltfreier ziviler Ungehorsam eskalieren wollten. Sie waren linke Gegner des Vietnamkrieges, Teil der Bewegungen der 1960er Jahre und überzeugt, dass das FBI Linke ausspionierte. Sie kamen auf die Idee, dass man das anhand von FBI-Dokumenten nachweisen konnte, die man halt besorgen müsse.Der „Cointelpro“-LaufzettelIhr Auge fiel auf ein kleines FBI-Büro im Ort Media in Pennsylvania. Bonnie Raines (29), beschäftigt in einer Kindertagesstätte und Mutter dreier Kinder, hatte die Räumlichkeiten ausgespäht. Sie bekam dort einen Termin als „Studentin“, die Berufsmöglichkeiten für Frauen im FBI recherchieren wollte. „Ich habe mich so gut wie möglich verkleidet“, sagte Raines Jahre später in einem Hörfunkinterview. Die Vorbereitung dauerte Monate. Ein Einbrecher machte per Fernkurs eine Schlosserlehre, um die FBI-Bürotüren zu knacken. Dann der „ausgewählte Tag“, erläuterte Bonnie Raines’ Ehemann John. Er hatte das Gefühl, dass die Polizei „ein bisschen abgelenkt sein könnte“ vom Boxkampf in New York. Die Aktion war ein Erfolg. Besonders interessiert waren die Einbrecher an Hinweisen auf FBI-Maßnahmen gegen Dissidenten und Linke. Sie schleppten kofferweise Akten aus dem Büro und schickten besonders aussagekräftige an die Los Angeles Times, die Washington Post und die New York Times. Nur die Post-Journalistin Betty Medsger schrieb. In den von ihr zitierten Dokumenten wurden FBI-Agenten angewiesen, Dissidenten intensiv zu befragen. Dadurch sollten „die paranoide Atmosphäre in diesen Kreisen“ verstärkt und die Mutmaßung genährt werden, „dass hinter jedem Briefkasten ein FBI-Agent steht“. Viele Jahre später sagte Betty Medsger in einem Rundfunkinterview, dass „so ziemlich alles“, was zuvor über das FBI und Hoover geschrieben wurde, „voll des Lobes war, weil die Leute einfach nicht wussten, was wirklich los war“. Die acht Aktivisten wurden nie geschnappt; sie traten schließlich an die Öffentlichkeit. Medsger hat die ganze Geschichte 2014 in dem Buch The Burglary. The Discovery of J. Edgar Hoover’s Secret FBI erzählt.Ein folgenschwerer Fund war ein Laufzettel mit dem Wort „Cointelpro“, mit dem die Einbrecher anfangs nichts anfangen konnten. Später brachte journalistische Recherche zutage: „Cointelpro“ stand für ein weitreichendes FBI-Programm, das von 1956 bis 1971 gegen linke Gruppen, Bürgerrechtler, die Frauenbewegung, die Black Panther und die Counterculture aufgelegt war. Zurückgegriffen wurde auf Spitzel und Provokateure. Der Bürgerrechtler Martin Luther King sollte zum Suizid getrieben werden. Details dazu kamen durch das „Church Committee“ ans Tageslicht, einen Senatsausschuss, der Mitte der 1970er Jahre zum Machtmissbrauch der US-Dienste ermittelte und erkannte, dass durch Cointelpro „Gruppen und Individuen gestört und neutralisiert“ werden sollten, die als Bedrohung der nationalen Sicherheit galten. Regierungsvertreter hätten dabei „über eine lange Zeit hinweg gegen Gesetze verstoßen“, hieß es im Abschlussbericht. Das FBI habe eine Liste von mindestens 26.000 Personen angelegt, die im Fall eines „nationalen Notfalls“ inhaftiert werden sollten.Was J. Edgar Hoover angetrieben hat? Die Frage führt zurück zu seinem angeblichen Berufswunsch, protestantischer Pastor zu werden. Biografin Beverly Gage schrieb: Hoover habe neben Antikommunismus auch die Vorstellung von der weißen Überlegenheit und eine „politisierte Deutung des Christentums“ repräsentiert. Der Hinweis auf Hoovers mögliche Kirchenkarriere kam von dessen Freund Edward Elson, einem presbyterianischen Geistlichen. Hoover habe als junger Mann mit der Frage gerungen, ob er der Kirche dienen „oder sein Leben dem Rechtsberuf widmen“ solle, sagte Elson laut New York Times 1972 bei der Trauerfeier für Hoover. Präsident Nixon sprach ebenfalls. Hoover habe unter acht Präsidenten gearbeitet. Er sei „auf seinem Posten geblieben“, während sich Trends geändert hätten.



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Von Veritatis

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