Porträt lynn t musiol sucht an der Schaubühne in Berlin nach Wegen, queeres Theater zu machen – mit KI, Therapie und Rasierer


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Ausgabe 19/2024

Findet das Theater ziemlich klassistisch: lynn t musiol

Findet das Theater ziemlich klassistisch: lynn t musiol

Auf der Bühne: zwei Sessel, ein Flauschteppich, eine Zimmerpflanze und eine Kücheninsel – das It-Piece auf (bürgerlichen) Theaterbühnen, zugespitzt noch durch eine Platte Austern, die drei Performende ausschlabbern, während sie das Textbuch, das eine künstliche Intelligenz zum Thema queeres Begehren ausgespuckt hat, spielen, performen – oder gar selbst zum ersten Mal lesen? Eindeutig ist das nicht, sodass man als Zuschauerin unsicher ist, wie denn dieses Stück, diese Performance, dieses BUCCI × ϵ ( • ͜ • ) ϶ nun zu verstehen ist. Es gibt geskriptete und improvisierte Passagen, wobei man nie genau weiß, wann was zutrifft.

Das war im Februar an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin. Verantwortlich

in. Verantwortlich für den Abend ist lynn t musiol, Autor*in, Regisseur*in und Performer*in, wunschgemäß werden hier die Pronomen dey/deren sowie die Schreibweise des Künstler*innennamens in Kleinbuchstaben verwendet. Wir treffen dey an einem für April viel zu heißen Tag, kurz vor der zweiten Ausgabe von BUCCI × ϵ ( • ͜ • ) ϶, im Café der Schaubühne. Von unserem Tisch aus haben wir freie Sicht auf den Eingang des Studios. Das Laptop, an dem dey vorhin noch gearbeitet hat, ist inzwischen zugeklappt. musiols Stimme klingt etwas rau und frech, aber dennoch so angenehm warm, dass man dey gern beim Sprechen zuhört. Im Studio zeigt die Schaubühne Diskursreihen, vom Ensemble gestaltete Formate und jetzt auch musiols Reihe.Zuvor konnte man dey dort mit Autor Evan Tepest im queer-lesbischen Dyke Dogs Salon erleben. Mit BUCCI × ϵ ( • ͜ • ) ϶ geht musiol nun eigene Wege am Theater, um queere Bühnenformen zu erproben. „Wir proben eigentlich gar nicht“, sagt dey und trinkt einen Schluck von deren Cola. „Vom Schreibtisch geht es direkt auf die Bühne.“ Dadurch, dass die Performenden den Text nicht auswendig rezitieren und zuweilen so wirken, als würden sie ihn selbst das erste Mal lesen, wird die Distanz zwischen ihnen und dem Text wahrnehmbar, was zugleich jene zwischen den Darstellenden und den Zuschauenden abbaut – man fühlt sich denen auf der Bühne in ihrer Unsicherheit näher als sonst.Placeholder image-1musiol sieht sich noch nicht lange als Theaterschaffende*r und Autor*in mit eigener künstlerischer Praxis – im Grunde erst seit anderthalb Jahren. „Ich bin ja im Rheinland groß geworden“, sagt musiol in einer Tonlage, als ob einem allein der Begriff „Rheinland“ schon einen ganzen Stapel an Information lieferte. 1991 in Leverkusen geboren, ist musiol dort „in einem liebevollen Umfeld aufgewachsen“, wie dey sagt. „Meine Mutter hat nicht gearbeitet und mein Vater war bei Mercedes in der Fabrik.“ Geld gab es nur wenig. Für das Studium der Soziologie und der Medienwissenschaften zog dey nach Hamburg, wo der Fokus zunächst darauf lag, „Zertifikate zu catchen, um mich als Aufsteiger*in auszuweisen“. Den Master begann musiol in Kriminologie, denn „Verbrechen sind meistens gute Geschichten. Und außerdem hatte ich schon immer eine Faszination für das Nicht-Normalisierte.“ Vom Verbrechen zu queeren Geschichten? Gar nicht so abwegig, denn für die queere Theaterarbeit beschäftigt sich musiol ja auch mit Erzählungen abseits der Norm.These statt AutofiktionKunst oder Theater zu studieren, kam nach dem Abitur aber noch nicht infrage. „Kunst, das machen die anderen, nicht wir“, zitiert musiol deren Eltern. Schließlich entschied sich dey dann doch für eine Hospitanz in Düsseldorf. Es folgten Assistenzen und Praktika in Hamburg, eine Stelle als Dramaturg*in am Schauspielhaus Düsseldorf, und 2019 dann ein Stipendium der Akademie der Künste, durch das musiol nach Berlin kam.Für die erste Folge von BUCCI × ϵ ( • ͜ • ) ϶ im Februar haben musiol und Spielpartner Marcus Peter Tesch einen Therapeuten eingeladen. Die beiden scheinen während der Sitzung auf der Bühne einen ungefähren Plan zu haben, über was sie mit dem Therapeuten – ein gemütlich wirkender Herr mit brauner Cordhose, großer Brille und fescher Cap – sprechen möchten, werden in der direkten Konfrontation dann aber doch immer wieder von dieser ursprünglichen Idee abgebracht. Die Verhältnisse kippen, mal geplant, mal ungeplant. Der Therapeut gibt schließlich lachend zu bedenken, dass er ja eigentlich angewiesen worden sei, selbst den größten Redeanteil zu übernehmen, während musiol und Tesch doch gar nicht so viel sprechen, sondern eher nur Fragen stellen wollten.So wirkt es dann auch eher wie nebenbei als unangenehm belehrend, wenn Fragen aufkommen, über die man auch noch im Nachgang des Abends nachdenken muss: Besteht das Ziel der Psychotherapie eigentlich darin, hin zu einem „Normalzustand“ therapiert zu werden? Wer definiert den? Und läuft man Gefahr, durch die Therapie als vermeintliche Kompliz*in von staatlicher Erziehungsarbeit meine Queerness zu verlieren?Anders als zum Beispiel die Autor*innen Didier Eribon, Annie Ernaux oder Édouard Louis, deren autofiktionale Aufsteiger*innen-Literatur auch an der Schaubühne inszeniert wird, geht musiol für BUCCI × ϵ ( • ͜ • ) ϶ nicht direkt von der eigenen Biografie aus, um soziale Unterschiede auf der gesellschaftlichen Ebene sichtbar zu machen. Dey startet stattdessen mit einer These, einem Begriff oder einer eigenen Alltagserfahrung – und eigentlich immer mit einem Handwerk.In der ersten Ausgabe von BUCCI × ϵ ( • ͜ • ) ϶ war dieses Handwerk die Therapie als Arbeit am Selbst. In der zweiten Folge, Mitte April, kurz nach dem Gespräch, ging es um das sogenannte Layern, wie musiol es nennt, also das Schichten von Hautpflegeprodukten – und den Zusammenhang von Self Care und Klimawandel. „Ich liebe es, mir Schminktutorials und Morgenroutinen-Videos anzuschauen, aber natürlich ist es absurd, so viel Zeit in die eigene Pflege zu stecken, während man sie eigentlich in die Community-Arbeit und das Klima stecken sollte“, umreißt musiol das Thema.Der Aufhänger der dritten Ausgabe, die am 15. Mai zu sehen sein wird, ist der Butch Cut, eine Frisur, für die die Haare bis auf wenige Millimeter kurz geschoren werden – das Handwerk ist hier das Haareschneiden. musiol selbst trägt die dunklen Haare zwar kurz, aber nicht raspelkurz. Von deren regelmäßigen Besuchen beim Barber-Shop schwärmt dey: „Ich liebe die vielen Aufsätze für die Rasierer und das Gefühl, wenn der Kopf rasiert wird.“ Es soll darum gehen, wie man sich durch das Äußere als queer definiert, erklärt musiol und zupft sich dabei demonstrativ am weiten Hemd. Außerdem sollen „Cuts“ im Leben zur Sprache kommen, also biografische Brüche.„Genau solche Zweideutigkeiten interessieren mich.“ Und die will dey mit dem Publikum weiterdenken. Wobei musiol selbst nie im Gespräch von „dem Publikum“ spricht, sondern immer von „euch“ und von „uns“. Ob Absicht oder nicht, die direkte Ansprache impliziert eine andere Vorstellung vom Publikum – nicht als abgeschottete, gesichtslose Entität, an die möglichst viele Karten verkauft werden sollen, sondern als zahlreiche Individuen, die allesamt Teil des Theaters sind, egal ob auf der Bühne, dahinter oder davor.Vorne sitzt, wer zahlen kannIn einem Interview im Spielzeitheft der Schaubühne sagte musiol: „Ich habe nie eine klassistischere Institution kennengelernt als das Theater.“ Natürlich ist das zugespitzt, und natürlich spricht musiol selbst, wie dey sagt, aus einer privilegierten Position – „als weiße Person mit deutschem Pass“. Aber die Realität am Theater sieht, wie musiol sagt, trotzdem so aus, dass die vorderen Reihen am teuersten sind, dass es große Macht- und Lohngefälle gibt, und dass die Karten am ersten Werktag eines Monats um elf Uhr über den Webshop verkauft werden, sodass, wer ein Ticket ergattern will, um diese Zeit am Laptop sitzen können muss.Die Tickets für BUCCI × ϵ ( • ͜ • ) ϶ kosten nur sechs Euro und im Studio, wo das Stück aufgeführt wird, gilt freie Platzwahl. Vom Theater als Community-Center mit einem Grundstock an Soli-Karten, das musiol vorschwebt, ist das aber noch weit entfernt.Jüngst hat musiol sich ein neues Ziel gesetzt, und zwar, die eigene queere Theaterarbeit zu archivieren. Also das Wissen, das dabei entsteht, auch Menschen zugänglich zu machen, die nicht an den Theaterabenden teilnehmen können. „Wie genau das funktionieren könnte, ist noch unklar.“ Aber genau in dem Dazwischen von Utopie und Ausprobieren steckt ja auch die Kraft von BUCCI × ϵ ( • ͜ • ) ϶.Placeholder infobox-1



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Von Veritatis

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