Essay Das Elfmeterschießen im Fußball ist mehr als nur ein dramatisches Finale. Es spiegelt tiefgreifende gesellschaftliche und historische Entwicklungen wider


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Uli Hoeneß wurde zum tragischen Held, als er bei der Europameisterschaft 1976 im Finale den entscheidenden Elfmeter verschoss

Uli Hoeneß wurde zum tragischen Held, als er bei der Europameisterschaft 1976 im Finale den entscheidenden Elfmeter verschoss

Wenn, wie am Montag beim 3:0 Portugals gegen Slowenien, bei der Europameisterschaft ein Elfmeterschießen ohne Gegentor entschieden wird, dann wirkt dies wie ein kurioser Triumph des Unwahrscheinlichen. Dabei sind uns doch eigentlich die Dramen, die Fehlschüsse und die glücklichen Sieger im Grunde genauso zur Selbstverständlichkeit geworden wie die leidvollen Tränen der Verlierer. Längst nämlich haben Elfmeterschießen etwas von der Aura des Geschichtslosen angenommen, wodurch beinahe unvorstellbar wurde, dass es sie irgendwann einmal nicht mehr gibt. Zu einem großen Turnier gehören sie einfach dazu, denn eine Welt ohne Elfmeterschießen: das scheint so wenig möglich wie eine Welt ohne Automobile und Flugzeuge, ohne Panzer und Nuklea

3;en: das scheint so wenig möglich wie eine Welt ohne Automobile und Flugzeuge, ohne Panzer und Nuklearsprengsätze, ohne Papst und die CSU – und ohne den Fußball selbst.Viel hat die Institution, die das Elfmeterschießen heute ist, also mit dem zu tun, was der Philosoph und Literaturwissenschaftler Georg Lukács einst, als er versuchte dem Phänomen von Ideologie auf die Spur zu kommen, als „zweite Natur“ bezeichnete: Es ist eine Praxis, die wie natürlich scheint – wie eine ewige Notwendigkeit, wie etwas, das immer war, immer ist und vor allem immer sein wird. Im Schatten seiner Selbstverständlichkeit vergessen wir dabei nur allzu leicht, dass das Elfmeterschießen nicht weniger geschichtlich ist als der Fußball selbst. Denn wenn auch nur wenige sich unter den Lebenden tatsächlich noch daran erinnern, so gab es doch eine Zeit, in der die Spiele und Wettbewerbe ganz ohne das Drama verschlossener Elfmeter entschieden wurden.Der Münzwurf von RotterdamVielleicht das berühmteste unter diesen Spielen, die heute beinahe wie vorgeschichtliche wirken, war das Halbfinale im Europapokal der Landesmeister im März 1965. Nachdem nämlich der erste Bundesligameister, der 1. FC Köln, gegen den FC Liverpool in zwei Spielen nicht über ein 0:0 hinausgekommen war, hatte die UEFA – auch das gab es noch – in Rotterdam am 21. März 1965 zu einem Entscheidungsspiel gebeten. Auch dieses Spiel endete nach der Verlängerung 2:2 und fand keinen Sieger. So ereignete sich, was heute wie ein grausamer, mythischer Eingriff des Schicksals erscheint: das Spiel nämlich wurde – mit dem FC Liverpool als glücklichem Sieger – durch Münzwurf entschieden.Heute erscheint viel an dem Spielende wie eine Groteske und als Anekdote hat es den Titel „Münzwurf von Rotterdam“ angenommen, von dem man sich unter Fußballmelancholikern immer wieder gern erzählt. Dabei war der Münzwurf fester Bestandteil des damals geltenden Reglements und damit – wollte man einen Begriff des großen Verfassungstheoretikers Hans Kelsen verwenden – gewissermaßen Ausdruck einer für lange Zeit geltenden Rechtsnorm. So ergab sich, dass beinahe ohne Widerstand der Beteiligten und in der vollkommenen Anerkennung jener ungeheuren Autorität, die der Zufall bisweilen über das Leben der Menschen hat, das Ergebnis ein legitimes war. Keine protestierenden Spieler. Keine Gesten. Allenfalls Schulterzucken.Nun legt der „Münzwurf von Rotterdam“ mindestens zwei grundlegende Einsichten über den Charakter des Fußballs offen. Zum einen erinnert er daran, dass am Ende immer eine Entscheidung herbeizuführen ist. So sehr wir uns auch wünschen, dass alles bloß ein Spiel sei, das uns von den Zwängen einer bisweilen nur wenig verspielten Wirklichkeit befreit, so werden wir doch auch daran erinnert, dass das Spiel immer eines ist, welches die Welt der Sieger und die Welt der Verlierer unmittelbar (und nicht selten auf grausame Weise) voneinander trennt. Worin wir uns einüben, wenn wir die Regeln des Spiels akzeptieren, ist also so etwas wie die Notwendigkeit der Entscheidung. Darin folgt es auf unheimliche Weise der Logik des Politischen, wie sie zumindest der entschiedene Dezisionist und Antidemokrat Carl Schmitt einst bestimmte. Vorgeführt nämlich wird ein aufs Spiel reduziertes Freund-Feind-Schema, das sich verbindet mit der Vorstellung davon, dass die Welt, in der dieses Politische herrscht, wie notwendig (und wie als „zweite Natur“) immer Sieger und vor allem auch immer Verlierer hervorbringt. Für alle, die nach demokratischer Partizipation, nach Teilhabe und Mitsprache streben, ist dies in jedem Fall ein beunruhigender Gedanke.Ihr müsst es euch verdienen, Sieger zu seinZum zweiten erinnert der „Münzwurf von Rotterdam“ an den geschichtlichen Charakter des Spiels. Denn nachdem die Sieger von den Verlierern getrennt und das Ergebnis akzeptiert waren, kamen erste moralische Zweifel an dem Zustandekommen des Resultats zur Sprache. So sprach etwa der Kölner Trainer, Georg Knöpfle, davon, dass dies alles „doch nichts mit Sport zu tun“ habe. Dahinter stand der Gedanke, dass die Praxis des Münzwurfs aus der Zeit gefallen war und dass der Zufall nur schlecht zur Bestimmung von Siegern und Verlierern taugen konnte. Denn eine Welt, die wie die der 1960er Jahre längst schon im Begriff war, sich grundlegend zu modernisieren, konnte dieses mythische Ding, das sich Schicksal nennt, einfach nicht mehr gebrauchen.Der moralische Skandal, der auf die Partie folgte, kann nur vor dem Hintergrund der geschichtlichen Situation der 1960er Jahre verstanden werden. Nicht nur war John F. Kennedy – nachdem er Amerika sein berühmtes „Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country“ mit auf den Weg gegeben hatte – zum Zeitpunkt des Münzwurfs schon ermordet, sondern auch Milton Friedman’s Capitalism and Freedom, jenes Gründungsdokument neoliberalen Denkens, das in Kennedys Ausspruch „a striking sign of the temper of our times“ gesehen hatte, schon drei Jahre alt. So zeichnet sich am Horizont eine neue Rechtsnorm (oder anders gesagt: eine neue Ideologie) ab. Die Legitimität des Schicksals ist im Begriff gebrochen und durch eine neue Idee ersetzt zu werden: Individualität als reine Verantwortung für sich selbst, sowohl im Politischen, im freien Markt als auch im Fußballspiel. Fortan sollte gelten: Ihr müsst es euch selbst verdienen, Sieger zu sein.Im Licht des geschichtlichen Augenblicks ist es also wohl kein Zufall, dass der Kölner Trainer davon sprach, dass das „Elfmeterschießen als Entscheidung herangezogen“ werden müsse. In einigen Ländern hatte man schon in den 1960er Jahren mit dem Elfmeterschießen experimentiert. Als der Münzwurf als Instrument der Entscheidung vor dem Umschwung der ideologischen Situation nicht mehr zu rechtfertigen war, beschloss das International Football Association Board (IFAB), das für die Regeln im Weltfußball zuständig ist, im Juni 1970 das Elfmeterschießen einzuführen und sich damit des unbehaglichen Gespensts des Schicksals zu entledigen.Der entscheidende Moment zwischen Triumph und ScheiternDieses Elfmeterschießen entstammt also einer historischen Konstellation, die die Welt bis zu unserer Gegenwart nachhaltig prägt. Vielleicht lässt sich sagen, dass wir uns daran gewöhnt haben, dem Glück und dem Zufall auf ganzer Linie abzuschwören und – dazu gehört im Fußball auch die Verwissenschaftlichung des Schiedsrichterbetriebs durch den Videoassistenten – der Entscheidung über Siegen und Verlieren ein „legitimeres“ Verfahren zu geben: das der Leistung. Michael Sandel hat in seinem Buch The Tyranny of Merit vor wenigen Jahren für das Bildungssystem nachgezeichnet, was der Siegeszug der meritokratischen Vorstellung des Verdienens, die ja dem neoliberalen Zeitalter so nachdrücklich einen Stempel aufgedrückt hat, mit den Schulen und Universitäten machte. Was diese Vorstellung mit Individuen veranstaltet, lehrt wie in einem allegorischen Schauspiel das Elfmeterschießen. Beladen werden nun die plötzlich ganz einsamen Akteure mit einer neuen Art von Verantwortung. Schütze gegen Torhüter: ein Kampf zwischen Isolierten, die, aus ihren Gemeinschaften gerissen, nun selbst es zu regeln haben im Streit um Siegen und Verlieren.Peter Handke konnte einst noch über die „Angst des Tormanns vorm Elfmeter“ fabulieren, als er die Geschichte eines in die Ecke gedrängten Mörders Josef Block erzählte. Im Licht des Elfmeterschießens ist dies beinahe unmöglich geworden. Denn die Angst liegt nun fast ausschließlich beim Schützen. Wer trifft, darf weiter hoffen; wer aber scheitert, der verliert. So steht jeder Schütze in dem Zwang der einmaligen Leistung zugleich vor der Möglichkeit des immer eigenen Scheiterns. Damit wird aber zugleich eine neue Rolle geboren im allegorischen Theater der verdienten Entscheidung: die des tragischen Helden. Diese hat vielleicht nie jemand besser verkörpert, als der erste unter den Schützen, die versagten. „Tragischer Held“ nämlich wurde schon Uli Hoeneß genannt, als er im ersten großen Elfmeterschießen im Finale der Europameisterschaft 1976 gegen die Tschechoslowakei den Ball nicht im Tor, sondern im Himmel von Belgrad versenkte, der gerade so dunkel war, wie eine Nacht es erlaubt, die keine finsteren Gründe des Schicksals mehr kennt. Dann, die Hände vor den Augen verschränkt, Fassungslosigkeit, eine Art von kurzer Ohnmacht und am Ende vor allem dies: Einsamkeit.Hoeneß hat die Rolle des tragischen Helden geprägt. Schließlich war er der erste, der erfahren musste, was es heißt, wenn in einer schicksalslos scheinenden Welt das Individuum selbst zur Verantwortung gezogen wird: der Triumph liegt allenfalls darin, seine Pflicht zu tun und erst einmal nicht zu verlieren. Als Institution moderiert das Elfmeterschießen damit die Notwendigkeit des Scheiterns. Denn keine Sieger sind zu ermitteln, wenn sich die Versager nicht finden, die an ihrer neuen, verteufelt schwierigen Gabe – Selbstverantwortung – scheitern, die man ihnen reicht.Allegorie von Versagen und StrafeNicht umsonst haben in ihrem ungeheuren Fokus auf diejenigen, die ihre individuelle Leistung nicht bringen, die großen Elfmeterschießen der Fußballgeschichte gerade die scheiternden Schützen als ihre fragwürdigen Helden hervorgebracht: Chris Waddle 1990, Roberto Baggio 1994, David Trezeguet 2006 oder Kingsley Coman 2022 – das sind die, derer wir gedenken. Denn weder an den Torhütern, die wie Portugals Diogo Costa mit ihren Paraden nur zu Siegern werden können, noch an denen, die treffen, kann jenes Versagen gegenüber dem Anspruch auf Leistung so grausam bestraft werden wie an den Unentschuldbaren, den Fehlschützen. Ausgestattet mit der zarten Hoffnung, dass sie schon durchkommen werden und dass wenigstens sie es nicht sein werden, die die Sache entscheiden, versagen sie vor dem Glück, das ihnen versprochen wurde – ein Glück des Davonkommens, des Entrinnens, des Irgendwie-Durchmogelns. Nicht mehr.Doch werden die Scheiternden am Ende auch zu Figuren einer gesellschaftlichen Allegorie, die das Elfmeterschießen ja immer auch ist. Denn sie sind in ihrem Elend nicht allein. So wie an sie nämlich haben wir uns auch an jene gewöhnt, die gar nicht erst mitspielen und sich doch in ihnen erkennen. Denn zur Geschichte gehört auch, dass es ihnen ergeht, wie es sich die neoliberalen Agenten, die sich – Margaret Thatcher und Ronald Reagan on the horizon – seit Ende der 1970er Jahre in die Institutionen zu drängeln beginnen, von jenen wünschen, die ihre Leistung nicht bringen: die Faulen und die, die sich mit Unentschieden begnügen würden.So träumt jeder Fehlschuss auch für die einsamen Individuen abseits des Fußballfeldes die Drohung ihrer eigenen Strafe voraus, die sich einstellt für alle, die im Spätkapitalismus versagen. Denn zur Gewohnheit wird darin nicht bloß das Leiden der Schützen, sondern auch das all derer, die dem Diktat der Leistung nicht zu folgen im Stande sind: die Geschlagenen, die Pfandsammler, die Einsamen vor den Ämtern und den sanktionistischen Instrumenten eines neuen Sozialstaats, der sich das Recht ausnimmt, vor allem zu fordern. Vielleicht sind diese Verwundbaren am Ende gar die eigentlichen Helden des Elfmeterschießens, nur wissen dies weder die Schützen noch die Verwundbaren selbst. Was jedenfalls bleibt von beiden, ist das, was schon Uli Hoeneß anging und was niemand präziser festhielt als Franz Kafka im letzten Satz von seinem Process: „Es war, als sollte die Scham ihn überleben“.



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Von Veritatis

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