Diese Geschichte hat zwei Seiten, die ziemlich gegensätzlich sind. Sie reicht von einem Interview mit dem US-Präsidenten bis zu meinem Interview mit Wladimir Putin im Jahr 2001. Wo da der Zusammenhang ist, werden Sie nun fragen. Lassen Sie sich überraschen!

Die erste, so wie sie in der „Bild“ und in anderen Zeitungen steht: „In den USA wurde eine Radiomoderatorin gefeuert, nachdem sie US-Präsident Joe Biden (81) interviewt hatte. Grund: Sie hatte dem Demokraten Fragen gestellt, die sie im Vorfeld von seinem Team zugeschickt bekam. Journalistische Unabhängigkeit: Fehlanzeige!“

Tatsächlich ist es ungeheuerlich, was sich die Moderatorin Andrea Lawful-Sanders im „WURD Radio“ geleistet hat. Wie sie selbst in einem Interview mit dem TV-Sender CNN einräumte, erhielt sie von Bidens Team acht Fragen. Und stellte vier davon dem Staatschef. Weitere, eigene Fragen stellte sie nicht.

Angeblich war auch ihr Arbeitgeber überrumpelt von so viel Hofberichterstattung. „WURD Radio“, das sich als Sprachrohr der schwarzen Bevölkerung sieht, schmiss Lawful-Sanders raus, nachdem sie die Absprachen zugab. „Das Interview enthielt vom Weißen Haus vorgegebene Fragen, was gegen unsere Praxis als unabhängiges Medium verstößt“, so der Sender. „Die Zustimmung zu einem vorher festgelegten Fragenkatalog gefährdet dieses Vertrauen“, sagte Sender-Chefin Sara Lomax.

Dass Biden es schaffte, sich auch bei diesem Auftritt zu verhaspeln, obwohl er die Fragen schon vorher kannte, sei hier nur des Unterhaltungswertes wegen erwähnt. Wörtlich sagte der 81-Jährige: „Ich bin stolz darauf, die erste Vizepräsidentin zu sein, die erste schwarze Frau, die mit einem schwarzen Präsidenten zusammenarbeitet.“

Offenbar ist es an der Zeit, dass Biden mit einem Dolmetscher antritt – der aus dem Biden-Kauderwelch in druckreifes Englisch übersetzt. In diesem Fall hätte die Übersetzung wohl wie folgt gelautet: Biden ist stolz darauf, die erste schwarze Vizepräsidentin zu haben.

„Insider aus Bidens Team pochen derweil in anonymen Statements gegenüber der ‚New York Post‘ und CNN darauf, dass es sich bei den Fragen nur um Vorschläge gehandelt habe, schreibt die „Bild“ weiter: „Moderatorin Lawful-Sanders habe es frei gestanden, von diesen abzuweichen.“

Und damit sind wir bei der zweiten Seite dieses Textes.

Dass wir es hier nämlich mit sehr viel Scheinheiligkeit zu tun haben.

Ich erinnere mich noch an meine Zeit als Bayern-Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP in München. Als dort noch Edmund Stoiber von der CSU regierte, und Uli Wilhelm einer seiner Pressesprecher war – der früher Angela Merkels Regierungssprecher wurde und danach Intendant des Bayerischen Rundfunks.

Schon damals klagten Kollegen nach einigen Biers, wie sehr die Staatskanzlei in Interviews reinredete. Stoibers Leute bedungen sich sogar auf, die Überschriften über den Interviews noch mitzubestimmen – ein völliges Unding journalistisch. Auch in Sachen Fragen sprach man sich ab.

Ganz klar war schon damals: Wer das schmutzige Spiel nicht mitspielt, bekommt keine Interviews.

Ich bin deshalb stolz darauf, nie Stoiber interviewt zu haben.

Eine weitere Unsitte ist das „Autorisieren“ von Interviews. Das in Deutschland Standard ist, im Angelsächsischen Raum dagegen unüblich. Da werden oft Interviews nachträglich völlig verändert.

In bestimmten Situationen kann es aber auch ganz schön nervenaufreibend sein, ohne „Autorisierung“ zu arbeiten. Als ich im Herbst 2001 gemeinsam mit meinem Chef, Focus-Gründer Helmut Markwort, Wladimir Putin in Sotschi interviewte (und wir übrigens weder vorab Fragen zugesteckt bekamen noch welche einreichen mussten), meinte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow beim gemeinsamen Kaffee in kurzen Hosen auf dem Hotelbalkon in Sotschi, dass er auf eine Autorisierung verzichte: „Wir vertrauen dir, dass du alles ehrlich machst!“

Mir rutschte damals das Herz in die Hose: Die Welt stand gerade Kopf, die Attentate vom 11. September 2001 beherrschten noch die Schlagzeilen – und ein dummer Fehler beim Transkribieren von Putins Antworten, dass sich bis in die frühen Morgenstunden hingezogen hat, hätte für ziemlich viel Wirbel sorgen und sehr peinlich werden können.

Insofern kann ich verstehen, dass die meisten deutschen Kollegen lieber mit Sicherheitsnetz arbeiten, also mit Autorisierung. Solange es dabei nur um ganz offensichtliche Flüchtigkeitsfehler geht, ist das auch okay. Wenn aber ganze Sätze verändert werden, wenn Zitate und Zahlen eingefügt werden, die den Interviewten im Nachhinein klüger aussehen lassen, als er es im Interview war, ist das in meinen Augen Betrug am Leser. Und der ist leider üblich.

Genauso wie etwa bei Markus Lanz die Redaktion die Diskussion nachträglich schneidet – beim Zuschauer aber der Eindruck erweckt wird, sie sei ungeschnitten. Ich habe das am eigenen Leibe erlebt – und meinen eigenen Auftritt in der Sendung vor vielen Jahren später in der Ausstrahlung kaum wiedererkannt.

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Von Veritatis

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