Jens Berger setzt hier die Debatte über die Wehrpflicht fort, die mit einem Gastbeitrag von Jürgen Hübschen eröffnet worden ist. Der habe innerhalb der militärischen „Logik“ argumentiert und den Militarismus nicht etwa hinterfragt, sondern als gegeben hingenommen. Nur wer der Erzählung Glauben schenke, dass Russland schon bald seine Panzer gen Berlin schickt, werde ernsthaft darüber debattieren wollen, eine Wehrpflicht oder eine Dienstpflicht auch nur anzudenken. Die Politik habe jedoch „nicht die Aufgabe, eine schlagkräftige Armee zu formen, sondern die gottverdammte Aufgabe, eine Außen- und Sicherheitspolitik zu betreiben, die Kriege verhindert“: „Entspannung heißt das Gebot der Stunde!“. Wir danken für die interessanten Leserbriefe. Hier nun die Antwort von Jürgen Hübschen und eine Auswahl der Leserbriefe, die Christian Reimann für Sie zusammengestellt hat.

Antwort Jürgen Hübschen

Lieber Herr Berger,

zunächst einmal finde ich es prima, dass Sie sich so ausführlich mit der von mir angestoßenen Thematik auseinandergesetzt haben.

Es stimmt, dass ich seinerzeit die Abschaffung der Wehrpflicht für einen politischen Fehler gehalten habe, und dahingehend hat sich meine Meinung auch nicht geändert, ebenfalls auch nicht, was die damalige Begründung für die Aussetzung angeht.

Ich bin aber, wie Sie, der Meinung, dass es- aus welchen Gründen auch immer- nicht realistisch ist zu glauben, man könne/würde die Wehrpflicht wiedereinführen. Ich stimme Ihnen auch zu, was die Motivation der meisten jungen Menschen angeht, Soldat zu werden.

Vielleicht erstaunt es Sie, dass ich Ihnen auch Recht gebe, dass wir mit dem Zusammenbruch der SU und des Wartschauer Paktes auch die NATO hätten auflösen sollen, weil sie in ihrem ursprünglichen, und von den USA definierten Ansatz, überholt war. So, wie Sie, bin ich schon immer der Meinung, dass 1990 die Gelegenheit verpasst wurde, eine neue europäische Sicherheitsstruktur zu schaffen, in die auch Russland hätte eingebunden werden müssen. Russland hatte das damals auch angestrebt, aber die USA hatten daran kein Interesse, weil die NATO ja in erster Linie ein amerikanisches militärisches Machtinstrument ist, was man allein schon daran sieht, dass der Oberbefehlshaber immer ein US-Offizier ist.

Damit komme ich zu einer weiteren Übereinstimmung mit Ihnen, dass ich nämlich Deutschland durch Russland auch nicht bedroht sehe, was aus meiner Sicht übrigens auch für alle anderen NATO-Mitgliedsländer gilt, nicht zuletzt auch für die drei baltischen Staaten.

Last, but not least stimme ich Ihnen auch zu, dass Diplomatie und Entspannung das Gebot der Stunde sind oder besser gesagt, sein sollten, und da beginnt ganz konkret meine unterschiedliche Sichtweise, die nicht militärisch und schon gar nicht „militaristisch“ ist, wie sie diese bezeichnen, sondern vielmehr sicherheitspolitisch. Und das ist etwas gänzlich anderes.

Ich bin nämlich der Meinung, dass Entspannung und Verteidigungsfähigkeit keine Gegensätze sind, sondern die zwei Seiten derselben Medaille. Entspannung ist ja immer ein Prozess zwischen mindestens zwei Polen, und da stellt sich die Frage, warum ein militärisch stark gerüstetes Gegenüber, auf seine Waffen oder ein Teil von diesen verzichten sollte, wenn das ihm von der anderen, unbewaffneten Seite vorgeschlagen würde?

Die von Ihnen angesprochene kluge Außen- und Sicherheitspolitik kann man in einer hochgerüsteten Welt auch aus einer Position einer angemessenen militärischen Stärke heraus betreiben. Der Ansatz „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist zwar prinzipiell erstrebenswert, aber leider nicht realistisch. Die Geschichte hat nun einmal gezeigt, dass ein Land, das sich nicht wehren kann, sehr schnell zum Spielball von Staaten werden kann, die eine offensive Politik betreiben. Dafür bedarf es nicht der Definition eines konkreten Gegners. Die angemessene Verteidigungsfähigkeit eines Landes ist für mich ein einigermaßen zuverlässiger Garant für dessen sichere Zukunft. Niemand weiß, wie die Welt am Endes dieses Jahrhunderts aussehen wird, und eine glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit kann man- falls notwendig- nicht von jetzt auf gleich herstellen, sondern sie erfordert mindestens 10-15 Jahre und zwar nicht nur materiell, sondern vor allem personell.

Wenn ich das letzte Jahrhundert in Deutschland unter sicherheitspolitischen Aspekten Revue passieren lasse, dann erinnere ich mich vor allem an die politischen Ereignisse, die niemand vorhergesehen hat, nämlich: Den 1. Weltkrieg, das Scheitern der Weimarer Republik, das Entstehen des „Nazi-Deutschlands“, den 2. Weltkrieg, die Teilung Deutschlands und Europas, den Zusammenbruch der Sowjetunion und des Warschauer Paktes und last but not least die Wiedervereinigung Deutschlands.

Nur, wer die Vergangenheit kennt und die Gegenwart realistisch einschätzt, kann die Zukunft gestalten.

Das gilt im besonderen Maße auch für die Sicherheit der Menschen in Deutschland und Europa.

Jürgen Hübschen

1. Leserbrief

Hallo Herr Berger,

vielen Dank für Ihren Beitrag von heute:
“Wiedereinführung der Wehrpflicht? – wer die falschen Fragen stellt, kriegt auch nicht die richtigen Antworten”

Auch ich, Jahrgang 1950, war beim “Bund”. Seinerzeit sogar Z21, also Zeitsoldat für 21 Monate.
Das allerdings nicht aus Überzeugung, sondern ausschließlich aus finanziellen Gesichtspunkten. Besser gesagt aufgrund einer finanziellen Notlage.

Ihrem Beitrag möchte ich voll und ganz zustimmen, danke dafür.

Mit freundlichen Grüßen,

Albrecht Körner

2. Leserbrief

Lieber Herr Berger,

Danke! Das war nötig.

Die Begründung für eine Wiedereinführung der Wehrpflicht habe auch ich im Artikel von Hübschen vermisst. Sie haben es genauer analysiert und sind bei der Erkenntnis gelandet:

“Die Politik hat nicht die Aufgabe, eine schlagkräftige Armee zu formen, sondern die gottverdammte Aufgabe, eine Außen- und Sicherheitspolitik zu betreiben, die Kriege verhindert.

Diesen Satz sollten sich Politiker und Journalisten eingerahmt über das Sofa hängen!

Nebenbei, ich habe den Kriegsdienst verweigert. Vater und Großvater sind gegen Frankreich losgezogen, Weltkrieg 1 und 2. Warum, wozu? Frankreich war meine zweite Heimat. Außerdem sind beide schwerbeschädigt nach Hause gekommen. Den endgültigen emotionalen Kick habe ich aber bekommen, als ich mit dem Fahrrad an der Ampel hinter einem Militärlaster halten musste, wo Soldaten wie Vieh verladen saßen. Das lasse ich nicht aus mir machen.

Eine Verteidigungsarmee nach dem Vorbild der Schweiz, das wäre vielleicht angemessen. Aber das konnte Deutschland noch nie, von 1870 bis heute.

Herzlichen Gruß,

Rolf Henze

3. Leserbrief

Guten Tag,

und vorab: Ich habe nicht ‘gedient’, sondern mich in den 1970ern nach meinem Abitur mit 18 – wegen der ‘Gnade’ der Kurzschuljahre – sofort ins Studium gestürzt, aus dem ich später dann nicht mehr ‘gezogen’ werden konnte. Meine Gesamtstudienzeit (2 Abschlüsse) war dann genau so lang wie die Jahre, die mein Vater in der Wehrmacht verbracht hatte, einschließlich eines Kopfstreifschusses in Italien, als der Krieg längst entschieden war.

Ich stimme Jens Berger weitumfänglich zu, einschließlich auch bzgl. des Hinweises auf die Ungleichbehandlung der beiden (!?) Geschlechter hinsichtlich der seinerzeitigen Wehrpflicht, bin aber besonders diesbezüglich sehr gespannt, wie die Generation Z (!!!) reagieren wird, wenn es bald heißt: Zu den Waffen!

PEACE!

Herbert Gerusch

4. Leserbrief

Lieber Herr Berger,

Sie haben mir den Tag gerettet mit Ihrem Artikel. Als ich nämlich den Artikel von Herrn Hübschen las, ergriff mich das kalte Grauen. Ich dachte schon, jetzt sind die NDS auch noch umgedreht worden. 

Sie haben vollkommen Recht! Meiner Meinung gehört die NATO aufgelöst, die Bundeswehr abgeschafft und alle Besatzungstruppen nach Hause geschickt! Würde mal kurz eben 60-80 Mrd freimachen, die man in Bildung, Infrastruktur, Energiewende usw. stecken kann! Dazu gehört ein Heer von Diplomaten nach Russland geschickt, um eine Sicherheitsarchitektur für Europa auszuarbeiten ohne Armeen! Die braucht niemand mehr, außer die Rüstungsindustrie. Werde ich wohl nicht mehr erleben, auch wenn ich voraussichtlich noch um die 40 Jahre Zeit habe. Leider.

Leider ist an dem Punkt die AfD keine Alternative, macht sie doch hier gemeinsame Sache mit den etablierten Parteien und würde vermutlich sogar noch mehr aufrüsten als CDU und Grüne. Von daher für mich nur schwerlich wählbar, auch wenn es der einzige Weg ist die Ampel loszuwerden… Naja, kommt Zeit, kommt Rat.

MfG.

H. Dietrich 

5. Leserbrief

Lieber Herr Berger!

Danke für diese klaren Worte.

Es kann wirklich nicht um Kriegstüchtigkeit gehen, in welcher Form auch immer.

Aber leider wird der Popanz des russischen Bären, der demnächst Deutschland verschlingen wird, propagandistisch derart aufgebläht, dass das Eigentliche aus dem Blickwinkel zu geraten scheint: Frieden schaffen ohne Waffen! Verhandeln, verhandeln, verhandeln. Schaden vom Volk abwenden, statt es per Angstpropaganda immer tiefer in nahezu unumkehrbare Konflikte zu verwickeln. Auch wenn die Bellizisten derzeit den Ton angeben, bleibt der Ausspruch “Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein” nach wie vor seine Gültigkeit.

In diesem Sinne weiterhin gutes Gelingen

Jürgen Scherer

6. Leserbrief

Lieber Jens Berger

Vielen Dank für Ihren jüngsten Beitrag “Wiedereinführung der Wehrpflicht? – wer die falschen Fragen stellt, kriegt auch nicht die richtigen Antworten”. Diese Erwiderung auf den Artikel von Jürgen Hübschen war wirklich notwendig und hat mir, wie so viele Ihrer Beiträge zuvor, aus tiefstem Herzen gesprochen. Ich hatte zwar ein paar Jahre Vorsprung, konnte mich aber voll und ganz in Ihrer Beschreibung der damaligen Zeit wiederfinden. Nach dem Abitur 1988 stand auch ich dem nun anstehenden Wehrdienst recht unbekümmert und eher sorglos gegenüber. Ganz sicher war ich nicht getrieben von Patriotismus oder dem Wunsch bzw. einer Faszination vom Dienst an der Waffe. Auch meine Träume waren in erster Linie beseelt davon, die Welt zu bereisen, ferne Länder kennenzulernen und mit Anderen Abenteuer zu erleben. Und wo wäre das einfacher gewesen, als bei der Marine. So wurde ich recht unvermittelt bei der Musterung für tauglich befunden und erhielt, gemäß meinem geäußerten Wunsch, wenig später den Einberufungsbescheid; 3. Seemannschaftslehrgruppe, Borkum; in 3 Monaten antreten. Doch es kam alles anders. Innerhalb nur weniger Wochen änderte sich während einer längeren Urlaubsreise, einer Art road-trip, und nach vielen vielen Gesprächen mit interessanten Menschen meine gesamte Einstellung zum Thema Militärdienst grundlegend; man kann auch sagen mir wurde bewusst was der Waffendienst eigentlich bedeutet! Wenngleich es zu diesen Zeiten auch noch so hypothetisch war und, wie Sie richtig sagen, damals weit und breit kein Feind oder Kriegseinsatz in Sicht war, niemals wollte ich in eine Situation geraten, in der ich eine Waffe gegen einen anderen Menschen einzusetzen hätte. Ich setzte daraufhin wirklich viele Hebel in Bewegung und tat alles, um in kürzester Zeit meine Einberufung zu stoppen und noch nachträglich zu verweigern. Ich hatte tatsächlich Erfolg damit und trat ein halbes Jahr später meine 18 Monate Zivildienst im Bereich der Pflege an; eine unschätzbar wertvolle Lebenserfahrung. Meinen Wunsch, die Welt zu bereisen und fremde Länder und Kulturen kennenzulernen, erfüllte ich mir später auf dem akademischen Weg und lebte gewissermaßen bis zur Jahrtausendwende die Völkerverständigung… Verfolgt man mit solch einer Biografie die Entwicklungen der letzten Jahre und die gegenwärtigen Debatten um Kriegstüchtigkeit, Wehrdienst und Militarismus möchte man wirklich nur verzweifeln. Denn da waren wir vor gut 30 Jahren tatsächlich “im Denken schon weiter”! Und trotz aller internationaler Konflikte und zahlloser Krisenherde in der Welt, gilt heute vielleicht mehr denn je zuvor: “Die Politik hat nicht die Aufgabe, eine schlagkräftige Armee zu formen, sondern die gottverdammte Aufgabe, eine Außen- und Sicherheitspolitik zu betreiben, die Kriege verhindert.”

Mit herzlichen Grüßen und großem Dank für Ihre Arbeit,

V. Mergen

7. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Berger,

ja, auch ich habe „gedient“ – 1972 / 1973. Es war eine verlorene Zeit, die mich Lebenschancen gekostet hat (die ich bis heute auch an meiner Rente monatlich spüre). Aber nicht nur deswegen vermag ich dieser Zeit nichts Positives zuzumessen.

Ich habe am Manöver Wintex 73 teilgenommen, dessen Planungsunterlagen der damalige Vertreter der UdSSR, Valentin Falin, dem Bundesminister für Auswärtige Angelegenheiten übergab (damals ein lustiger Skandal der deutschen Politik Aber ich will hier nicht auf die Details der mit diesem Manöver verbundenen militärpolitischen Konzeptionen eingehen (obwohl dies leider auch heute noch Relevanz besitzt). Ich weise nur darauf hin, weil in dieser Zeit der „Kalte Krieg“ und der angebliche unmittelbar bevorstehende Überfall des Warschauer Paktes das „verteidigungspolitische Szenario“ bestimmten.

Wir hatten die Wehrpflicht und ich musste (trotz Antrag auch Kriegsdienstverweigerung) Wehrdienst leisten. Die Ideologie der „Verteidigung gegen die sowjetische Bedrohung“ gehörte zur „theoretischen“ Schulung wie die infanteristische Ausbildung im Kampf gegen Panzer – inklusive Reminiszenzen an den zweiten Weltkrieg. Ziel des Wehrdienstes war zwar nicht mehr die Erziehung eines preußischen Untertanen oder eines nationalsozialistischen Kämpfers, aber die ideologische Indoktrination und die Einübung des militärischen Gehorsamsverhaltens  (inkl. Überwindung der Tötungshemmung) blieben auch für die „Bürger in Uniform“ wesentliche Bestandteile dieser „Schule der Nation“. Die Armee ist (und bleibt) ein Spiegel der militärpolitischen Interessen ihrer Zeit.

Wozu also Wehrpflicht? Positiv gesehen könnte sie militaristische Radikalisierung vielleicht dämpfen. Sie könnte vielleicht such Kritik an der Verfassung des Militärs in die Gesellschaft tragen (z. B. Nagold). Im Extremfall könnte sie sogar die Waffen dem Volk gegen seine Unterdrücker zur Verfügung stellen (ich denke hier an die Pariser Commune oder den November 1918 in Deutschland). Aber wie realistisch ist dieses Bild?.

Aus meiner eigenen Wehrdienstzeit kann ich eine positive Sicht nicht teilen. Von dem Aufbruch de 68er blieb außer einem kurzzeitigen „Haarerlass“ (lange Haare waren bei Tragen eines Haarnetzes erlaubt) nicht viel übrig. Das Grundkonzept einer militärischen Struktur der Unterordnung widersprach damals wie heute der Heranbildung mündiger und selbständiger Bürger.

Eine stehende Armee ist und bleibt ein Machtinstrument der jeweils Herrschenden – gegen de eigenen Bürger und zum Zweck der Umsetzungen ihrer Interessen nach innen und außen. Unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft ist sie zuvörderst Mittel zum Erhalt der Herrschaftsstruktur. Sie kann und wird nicht sein eine Miliz in der Hand der Bürger zur Sicherung ihrer Interessen gegen ihre Unterdrücker.

Klaus Habel

8. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Berger,

sehr geehrte Redaktion der NachDenkSeiten,

als die Bundesregierung ihren Sitz noch in Bonn hatte, war Bescheidenheit oberstes Gebot. Eine bescheidene deutsche Politik mit nachhaltigem Erfolg. Es war die Zeit, da wollten wir Deutsche vor allem eines: gute Nachbarn sein und in Frieden miteinander leben. Das hatten wir uns, unseren Kindern und der übrigen Welt versprochen!

Die Generation, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, hatte den Krieg zwar nicht selbst erleben müssen, doch die Folgen dessen, berührten uns allgegenwärtig. In Form von menschlichen Schicksalen, die wir täglich vor Augen hatten. Wir sahen und hörten sie: die vielen ehemals jungen Landser, die nun älter und körperlich oder geistig verkrüppelt waren, die Vertriebenen und Geflüchteten, die ihre Heimat für immer verloren hatten, die Ausgebombten, die Getäuschten und für immer Enttäuschten. Blinde, denen Granatsplitter in Millisekunden die Augen irreversibel weggebrannt hatten, gealterte Männer und Frauen mit versteinerten Gesichtern, ehemalige deutsche Soldaten, die Passanten fragten, ob sie ihnen bitte eine Zigarette anzünden oder einen Fahrschein ziehen würden, weil sie selbst keine Hände mehr hatten. Ihre Gesundheit, ihre Jugend, ihre Chancen auf ein ganz normales Leben war ihnen für immer genommen worden. In jungen Jahren. Für eine Politik, die unbedingt den Krieg wollte.

Da Deutschland nur rund zehn Jahre nach dem Ende dieses Krieges eine neue Armee installierte bzw. zu installieren hatte – die Gründe dafür sind bekannt -, mussten auch wir, die nach dem Krieg Geborenen, schließlich zum Militär. Ich am 1. Juli 1979. Eine Zeit, die mit den 90er Jahren, auf die Sie, Herr Berger, sich in Ihrem Artikel beziehen, nicht vergleichbar sein dürfte, denn wir befanden uns damals im Kalten Krieg und die RAF überfiel uns Wehrdienende in den Kasernen, um sich Waffen zu beschaffen.

Das Schießen mit Handfeuerwaffen auf relativ weit entfernte Ziele empfanden wir noch als abstrakt. Doch spätestens das Werfen einer scharfen Handgranate oder die aktive Teilnahme an Manövern, in denen wir als Infanteristen relativ ungeschützt zwischen schweren Waffen herumzulaufen hatten, ließen uns die möglichen Schrecken und die individuellen Chancen innerhalb einer kriegerischen Auseinandersetzung zweifelsfrei erkennen. Wehrdienst als Aufklärung. Wehrdienst als Edukation. Wehrdienst, der uns schließlich dazu brachte, im Bonner Hofgarten aktiv für den Frieden zu demonstrieren. Wehrdienst, der viele von uns zu Pazifisten werden ließ. Wehrdienst, für den Ungediente uns ehemals als „Mörder“ und heute als “Lumpenpazifisten” beschimpfen.

Rund 40 Jahre lang diente ich als Reservist der Bundeswehr. Gerade deshalb, weil ich Teil dieses Systems war, dürfte ich hinreichend darüber informiert sein, was ein weiterer Weltkrieg zeitigen könnte. Sowohl für den Menschen als auch für die Umwelt. Wir Soldaten dürften jedenfalls militärisch gebildeter und aufgeklärter sein als so manch Ungedienter, der sich gegenwärtig anmaßt, als “Experte” in Medien oder Politik öffentlich Stellung zu nehmen zu angeblich militärisch gebotenem Verhalten.

Gerade weil ich Wehrdienst geleistet habe, weiß ich, dass Sie, Herr Berger, zweifelsfrei recht haben, wenn Sie schreiben, dass wir stets aufgefordert sind, alles dafür zu tun, den Krieg zu verhindern! Kontinuierliches Entspannen mit diplomatischen Mitteln. Frieden schaffen ohne Waffen. So, wie es auch beim großen Zapfenstreich der Bundeswehr heißt: Beten für die Macht der Liebe! Die Liebe und der Frieden haben zu obsiegen. Nichts anderes!

Wer das nicht versteht und verinnerlicht, sollte kein Soldat werden, weder innerhalb einer Wehrpflicht noch als Berufssoldat.

Prof. Dr. Dr. Franz W. Peren, Oberstleutnant d.R.

9. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Hübschen, Sehr geehrter Herr Berger,

ich finde, Herr Berger hat Recht, dass man die richtigen Fragen stellen muss, und dass die Antworten andere sind wenn man seinen Nachbarn traut oder misstraut dürfte klar sein.

Anstatt Unmengen von Ressourcen darauf zu verschwenden, eine Armee kriegstüchtig zu machen, sollte man sich lieber friedenstüchtig machen.
Warum zum Beispiel gibt es keine Initiative, fähige und weise Diplomaten auszubilden, die auch eine so unfähige Regierung wie die derzeitige darin unterstützen könnten, die richtigen Entscheidungen zu treffen?
Frieden und gute Beziehungen kommen nicht von alleine. Es reicht nicht, darauf zu warten dass die andere Seite etwas tut. Frieden zu schaffen ist ein aktiver Prozess.

Und ich stimme Herrn Hübschen zu, dass eine allgemeine Dienstpflicht eine gute Idee wäre, denn insbesondere im sozialen Bereich kann die immense Arbeitskraft, die man hierdurch gewinnen würde, dringend benötigt.
Ich habe 1995 Zivildienst in einem Altenwohnheim gemacht, was für mich eine lebensprägende Erfahrung war und in mir den Wunsch erweckt hat, den Menschen dienen zu wollen.
Für die junge Generation, deren einzige Loyalität oft dem eigenen Mobiltelefon gilt, wäre das eine sehr wertvolle Erfahrung.

Allerdings sollten alle Dienst leisten, nicht nur jene, die sich als männlich identifizieren.
Und in der Bundeswehr zu dienen sollte nur eine Wahlmöglichkeit sein.
Eine andere Wahlmöglichkeit könnte auch ein “Friedensdienst” sein, bei dem die Dienstpflichtigen in Organisationen eingesetzt werden, die sich für die Völkerverständigung einsetzen.

Mit freundlichen Grüßen,

Christoph Stahl

10. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Berger,

als überzeugte Pazifistin habe auch ich die Abschaffung (bzw. Aussetzung) der Wehrpflicht vorbehaltlos begrüßt.

Meine Meinung änderte sich nach der Lektüre des Buches „Wiederkehr der Hasardeure“, in welchem Willy Wimmer im Kapitel „Wer entscheidet über die Einsätze der Bundeswehr“ (S. 505 ff.) darlegt, weshalb die Aussetzung der Wehrpflicht keineswegs eine rein pazifistische Angelegenheit ist.

Ich kann leider nicht alles zitieren, jedoch hier zwei Zitate:

  1. Bislang durfte die Parlamentsbeteiligung im Zusammenhang mit Einsätzen der Bundeswehr als Garant dafür gelten, dass die Belange des deutschen Volkes in vorbildlicher Weise in die Entscheidungen des Bundestages mit einbezogen wurden (S. 509) – (im Falle der Wehrpflicht)
  2. Eine Beseitigung der Parlamentskontrolle über Militäreinsätze und der gleichzeitig unternommene Versuch, den Funktionswechsel in der Spitze des Verteidigungsministeriums zugunsten des Generalinspekteurs zu vollenden, ist im amerikanischen Interesse, um an der Bundesregierung und dem Bundestag vorbei das deutsche militärische Potenzial unter Kontrolle zu bekommen und als Verfügungsmasse nutzen zu können. Auf diese Weise soll und kann sichergestellt werden, dass die eigentlichen Entscheidungen über Kriegseinsätze im NATO-Hauptquartier in Brüssel unter amerikanischer Oberhoheit getroffen werden. (S. 510) – (im Falle von Berufssoldaten)

Vereinfacht bedeutet das für mich: Wenn jede Familie unter ihren Angehörigen Wehrpflichtige hat, ist es nicht so einfach, diese als Soldaten für amerikanische geopolitische Interessen zu verheizen, man muss den Widerstand im eigenen Volk überwinden. Bei Berufssoldaten entsteht eher der Eindruck, dass das deren Berufsrisiko ist und dass sie eben jeder Art von NATO-Einsätzen zu dienen haben, die Empathie im Volk ist daher entsprechend gering. Es gibt also auch pazifistische Gründe FÜR eine Wehrpflicht – auch wenn man grundsätzlich die Sinnhaftigkeit von Kriegen und einer wehrhaften deutschen Armee nicht befürworten möchte.

Viele Grüße
Elke Zetl

11. Leserbrief

Hallo NDS

zum Artikel

Wiedereinführung der Wehrpflicht? – wer die falschen Fragen stellt, kriegt auch nicht die richtigen Antworten

von Jens Berger

Vorab: ich bin Pazifist, durch Erziehung und eigene Erfahrung.

Grundsätzlich stimme ich hier mit Herrn Berger vollkommen überein. Es wäre also gar kein Leserbrief notwendig.

Dieser Satz “Wenn der Staat seinen Söhnen – nicht Töchtern – ein Jahr ihrer Lebenszeit wegnehmen will, ist dies ein massiver Eingriff in die Grundrechte. Dieser Eingriff muss sehr gut begründet sein.” hat einen Gedanken in diesem Zusammenhang reaktiviert, den ich schon lange im Stillen hege, auch wenn er Utopie ist.

Ich habe viele junge Männer als Ausbilder erlebt, sowohl vor und nach der geleisteten Wehrpflicht.

Völlig unabhängig von ihrer Einstellung dazu, ob patriotisch oder völlig ablehnend – allen die Wehrpflicht absolviert haben, hat diese Zeit eine positive persönliche Entwicklung beschert, natürlich in verschiedenen Qualitäten.

Der Unterschied zu einem nicht Gedienten war meist deutlich. Ordnung, Zuverlässigkeit, Selbstbewußtsein sind deutlich weiter entwickelt.

NEIN, das ist kein Plädoyer für die Wehrpflicht!

Auch heute habe ich noch mit frischgebackenen Erwachsenen zu tun. Es ist dieser Tage leider eine häufige Erscheinung, daß diese Spezies (nach ‘erwachsenen’ Maßstäben) völlig unselbständig durch die Gegend taumelt. Es ist inzwischen ein Glücksfall, mal Einen zu erwischen, der Interesse und Spirit hat (siehe Fachkräftemangel).

Die Weiterführung dieses Gedankens ist mit Vorsicht zu genießen, aber ich würde mir ein Äquivalent wünschen, das auf die persönliche Entwicklung einen ähnlichen positiven Effekt hat. Ein verpflichtendes Jahr Bootcamp oder so was, nix militärisches, aber da gehts schon in die Grauzone. Vom oben erwähnten Eingriff in die Grundrechte ganz zu schweigen.
Jede Medaille hat eben immer 2 Seiten.

Wünsche sind wie Wahlversprechen, sie gehen selten in Erfüllung.

Ulli Schott

12. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Berger,

volle Zustimmung. Nur drei Bemerkungen:

Ein Fehler passiert, wenn man ein bestimmtes Ziel will und einem etwas passiert, was in die falsche Richtung geht.

Nach meinen Informationen gab es einen Vertrag über die Begrenzung der konventionellen Rüstung in Europa. (In dem Zusammenhang gibt es so schwer durchdachte Konzepte wie strukturelle Nichtangriffsfähigkeit.) Ratifiziert wurde er durch die Parlamente der Völker Russlands, Weißrusslands, der Ukraine und Kasachstans. Aber von keinem westeuropäischen Land.

Es ist somit klar, wer was wollte und wer es torpediert hat. Es war Absicht und kein Fehler.

Was wiederum die Frage aufwirft, wer genau sind diese, von denen Sie in passiver Form schreiben ‘Man hat …’?

Es ist des weiteren die Frage, ob man eine Wehrpflichtigenarmee tatsächlich nach Afghanistan hätte schicken können. Die Umwandlung in eine Berufsarmee läßt also eine böse Absicht vermuten, die sicherlich von der Verfassung nicht gedeckt ist.

Wenn Sie diese sehr unglückliche falsche Redewendung über Clausewitz wie viele andere rhetorisch verwenden, sagen Sie damit nichts weiter, als daß Sie Clausewitz nicht gelesen haben – so wie die anderen aller, allermeisten auch.

Andernfalls würde z.B. seine klar durchformulierte Kernfrage gestellt. Achtung! Und beantwortet.

Es fällt den meisten Menschen sehr schwer zu verstehen, daß Clausewitz vom Vietnam-Krieg spricht und von Afghanistan, Ukraine etc.

Mit freundlichen Grüßen,
Gernot Hedrich

13. Leserbrief

Sehr geehrte Nachdenkseiten-Redaktion,
sehr geehrter Herr Berger,

ich stimme Ihren Worten zu 100 % zu. Im letzten Absatz sagen Sie es nochmals kurz, knapp und deutlich.

Die aktuelle Situation empfinde ich als haarsträubend. Angestachelt von den globalistischen Eliten, vor allem aus Washington, handelt die aktuelle Bundesregierung wie eine willfährige Marionette, ohne eigenen Willen und ohne Verantwortung – vor allem den eigenen Bürgern gegenüber.

Ich gehöre der Nachkriegsgeneration an und meine Familie hat durch den 2. Weltkrieg Angehörige und die Heimat verloren. Ich selbst bin KDVler (Kriegsdienstverweigerer Mitte der 1980er Jahre) aus Überzeugung und stelle mich auch klar und eindeutig gegen eine erneute Wehrpflicht. Die Pflicht der nach dem Krieg Geborenen ist, aus den Erlebnissen der Kriegsgenerationen zu lernen und alles zu tun, um Konflikten entgegen zu wirken.

Es ist bitter, dass all die Bemühungen Willy Brandts und seinen Leuten von heute unverantwortlich handelnden Politakteuren aus SPD kaputt gemacht wurde. Schande auf all diese Politakteuren.

Daher klar und eindeutig: keine Wehrpflicht, dagegen alles zu tun für den Frieden. Ein Krieg wäre der Untergang Europas und wir müssen uns ENDLICH befreien von Washington und der NATO. Raus mit dem NATO-Militär aus Deutschland!!!

Freundliche Grüße
G. Lange

14. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Hübschen, lieber Jens Berger,

beide Artikel bedürfen der Erklärung, mindestens was den Zeitpunkt angeht. Warum jetzt? 

Als auch heute noch bekennender Kriegsdienstverweigerer möchte ich zusätzliche Aspekte einbringen und ich gebe zu, dass ich für die scheinbaren Notwendigkeiten innerhalb einer militärischen Diskussion wenig Verständnis habe.

Wenn Herr Hübschen aus demokratietheoretischer Perspektive das Für und Wider der Wehrpflicht diskutieren will, so hat das für mich denselben Wert, wie Diskussionen über Wege der Profitmaximierung, die das Argument der Arbeitsplätze bemühen.

Wäre in der BRD je eine freiheitlich-demokratische Grundordnung, wie sie das Grundgesetz vorsah, wirksam gewesen, könnte eine derartige Diskussion beginnen.

Sich in diesem Zusammenhang auf Gestalten wie Vonundzu, Pistolius oder de Misere zu berufen, zeigt, dass grundsätzliche Machtmechanismen nicht akzeptiert wurden.

Aber bleiben wir selbstkritisch: Meine Erleichterung mit 20 Monaten Zivildienst um die oft als Erziehungsschule der Nation bezeichnete Bundeswehr herumzukommen, hatte zur Folge, dass ich mich in das schon damals unmenschliche System einer Altenverwahranstalt eingefügt habe, zum Wohle eines profitorientierten Wohlfahrtskonzerns namens A r b e i t e r w o h l f a h r t. Die systematische Ausbeutung der Zivis war willkommene Möglichkeit zum Ausbau von Strukturen, wie in Hessen. 

Im Rückblick zeigte sich schon damals sehr deutlich, wie das in den 1000 Jahren zwischen 1933 und 1945 vervollständigte Verhaltensschema der sogenannten abendländisch-christlichen Tradition im Umgang mit den schwächsten der Gesellschaft in Coronazeiten seinen Feinschliff erhalten sollte.

Machen wir uns also lieber an die gemeinsame Aufgabe: Setzen wir das Grundgesetz um, anstatt uns gegenseitig mit diesen Pseudodiskussionen abzulenken! 

Schöne Grüße
Axel Klein 

15. Leserbrief

Hallo Herr Berger,

vielen Dank, volle Zustimmung!

Beste Grüße
Sascha M.

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Von Veritatis

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