In fast allen Bundesländern führen viele Rechtschreibfehler inzwischen nicht mehr zwangsläufig zu einer schlechteren Note. Winfried Kretschmann findet Rechtschreibung in Zeiten der Autokorrektur sogar überflüssig. Die Wohlfühl-Pädagogik nimmt absurde Züge an – Leidtragende sind am Ende die Schüler.

von Larissa Fußer

2014. Pankow. Meine Mitschüler und ich sitzen mit schmerzverzerrten Gesichtern an unseren Schulbänken. Fassungslos schauen wir auf das Papier in unseren Händen. Die erste Klausur unseres Deutsch-Leitungskurses ist unterirdisch ausgefallen. Keine Eins, keine Zwei, zahlreiche Dreien und Vieren, eine Fünf. „Ich habe beim Korrigieren sehr viel Wein trinken müssen, um das auszuhalten“, sagt unsere Lehrerin trocken. Viele gucken gekränkt zu Boden. Ich starre seit einigen Minuten schon meine Note für Rechtschreibung an. Bisher war ich in Deutsch immer eine Einserschülerin gewesen, nun fühle ich mich in meiner jugendlichen Neigung zum Überdramatisieren plötzlich, als stünde ich auf der Schwelle zum Analphabetismus. 

Der gekränkte Stolz stand uns damals, davon bin ich überzeugt, ins Gesicht geschrieben. Wir alle hatten den Deutsch-Leistungskurs gewählt, weil wir uns irgendwo für sprachliche Virtuosen hielten. Nun hatte eine Klausur mit erhöhten Leistungsanforderungen genügt, um uns auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Meine Mitschüler und ich paukten in den folgenden Wochen Rechtschreibung, Kommaregeln und Grammatik wie noch nie in unserer gesamten Schullaufbahn. Diese Blöße wollten wir uns nicht noch einmal geben. Mit Erfolg. In den darauf folgenden Klausuren schnitten wir besser ab. Zahlreiche Regeln, die ich mir damals mit einer Jetzt-erst-recht-Haltung eingetrichtert hatte, habe ich nie mehr vergessen. 

Erlebnisse wie diese sind längst zur Ausnahme geworden. Rechtschreibung wird an deutschen Schulen schon seit Jahren immer weniger Bedeutung beigemessen. Nun hat sich auch Schleswig-Holstein als vorletztes Bundesland dazu entschlossen, den Fehlerquotienten bei der Bewertung von Deutsch-Aufsätzen abzuschaffen. Nur Hessen hält noch an dem Bewertungsmaßstab fest, für den die Anzahl der Fehler durch die Anzahl der geschriebenen Wörter geteilt wird. 

„Qualitative Rückmeldung“ statt Fehlerquote

In den anderen Bundesländern ist die Benotung von Deutschklausuren nicht mehr direkt von der Rechtschreibung abhängig. Anstatt Rechtschreibfehler zu zählen, sollen Lehrer ihren Schülern eine „qualitative Rückmeldung“ geben und sie „über Fehlerschwerpunkte“ sowie die „Systematik ihrer Fehler“ aufklären, erläutert Karin Prien, Bildungsministerin von Schleswig-Holstein. Zwar behauptet sie, dass die „Bewertung der Rechtschreibung und Zeichensetzung weiterhin wichtiger Bestandteil der Note“ bleibe. Doch diese Worte klingen wie leere Versprechungen, wenn man bedenkt, welche Signalwirkung eine solche Abschwächung des Bewertungsmaßstabs zwangsläufig auf Schüler haben muss. 

Schon jetzt können, da bin ich mir sicher, zahlreiche Arbeitgeber und Uniprofessoren nur entsetzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn sie die Bewerbungsunterlagen, E-Mails oder Aufsätze der heutigen Abiturienten lesen. Die Rechtschreibungs- und Kommakompetenz von vielen Studienanfängern ist inzwischen zu großen Teilen auf einem derart schlechten Niveau, dass man sich kaum ausmalen mag, was noch kommt, sollten nun die Regelungen weiter aufgeweicht werden. 

Besonders beunruhigend ist aber, dass sich keiner der Verantwortlichen so recht daran zu stören scheint. Stefan Düll, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, sagt gegenüber der Berliner Morgenpost, dass man die Rechtschreibung nicht überhöhen dürfe. „Ist eine Schülerarbeit inhaltlich erste Sahne, darf man sie auch mit Rechtschreibfehlern gut bewerten“, meint er. 

Die Autokorrektur regelt es schon

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, legt in einem aktuellen Interview mit der Zeit noch eine Schippe drauf und poltert: „Ich frage mich: Ist Rechtschreibung tatsächlich so wichtig, wenn das Schreibprogramm alles korrigiert?“. Eine Aussage, für die ihn meine Deutschlehrerin vermutlich nur verachtend angucken würde. Kretschmann war selbst einmal Lehrer, allerdings für Biologie und Chemie. Schon 2020 sagte der Grünen-Politiker: „Ich glaube nicht, dass Rechtschreibung jetzt zu den großen, gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört.“

Eine Aussage, die leicht fällt, wenn man selbst noch in einer Zeit zur Schule gegangen ist, in die Lehrer einem deutlich mehr Leistung abverlangten – und wenn man inzwischen Angestellte hat, die jede schriftliche Äußerung noch einmal querlesen, bevor sie veröffentlicht wird. Doch für die Schüler von heute hat so eine Einstellung letzten Endes zur Folge, dass sie überhaupt nicht mehr in der Lage sein werden, sich ohne die Hilfe von ChatGPT und Co. korrekt auszudrücken. Geht man erst diesen Schritt, kann man auch sagen, dass das Erwerben konkreten Faktenwissens seit der Erfindung von Google nicht mehr von Bedeutung und das Formulieren von Aufsätzen in Zeiten von KI überflüssig ist. 

Dieser Meinung sind schon jetzt viele – vor allem junge – Leute. Sie vergessen dabei nur eins: Wer bei der Formulierung von Gedanken abhängig von technischen Programmen ist, der ist mit der Zeit auch in seinem Denken eingeschränkt. Wer Schrift und Sprache nur noch als Arbeit versteht, die Maschinen einem abnehmen können, kann auch bald das Denken den Maschinen überlassen. 

Der Preis der Wohlfühl-Pädagogik

Der Trotz gegen Rechtschreib-Regeln, der inzwischen bei vielen jungen Erwachsenen – und Ewig-Jung-Gebliebenen wie Kretschmann – vorherrscht, ist darüber hinaus auch ein Symptom für eine andere Entwicklung in unserer Gesellschaft. Er bezeugt die zunehmende Weigerung, sich an altbewährte Vorschriften anzupassen, Autoritäten zu akzeptieren, überhaupt den Anspruch zu haben, einer Norm gerecht zu werden. Seit Jahren wird Kindern im Geiste der 68-Bewegung beigebracht, sich nicht mehr anzupassen, den alten Autoritäten nicht zu trauen. Stattdessen sollen sie sich selbst verwirklichen. 

In der Schule gibt es immer weniger „richtig“ und „falsch“, weil so eine Beurteilung ja die Gefühle der Heranwachsenden verletzten könnte. Stattdessen werden „Kompetenzen“ erlernt – Inhalte aber fehlen zunehmend. Das Ergebnis sind Absolventen, die zwar sehr überzeugt von ihrer eigenen Leistung sind, sich zumeist sehr gerne reden hören, aber in der realen Welt kaum etwas von Wert zustande bringen. Sie sind anspruchslos gegenüber sich selbst, fordern sich nicht gerne heraus und werden patzig, wenn man es von ihnen verlangt. 

So eine Gesellschaft hat freilich andere Probleme als Rechtschreib-Regeln. Dennoch könnte eine Bildungspolitik, die korrekte Rechtschreibung nicht als Kür guter Sprache versteht, sondern als zwingende Voraussetzung vermittelt, durchaus einen Beitrag dazu leisten, diese letztendlich leistungsfeindliche Entwicklung aufzuhalten. Was die Wohlfühl-Pädagogik gerne unterschlägt, ist die Tatsache, dass die Leistung, die man Schülern in jungen Jahren abverlangt, entscheidend dazu beiträgt, dass sie als Erwachsener im philosophischen Sinne mündig sind, sich also selbstbestimmt von der Welt, die sie umgibt, ein Bild machen und sich in sie einbringen können. Das wusste wohl auch meine Deutschlehrerin, als sie damals in unsere trotzigen Augen blickte.

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Von Veritatis

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