Eskalation Vielleicht wurde die mutmaßlich gezielte Tötung der sieben Helfer von World Central Kitchen zum Wendepunkt – jedenfalls erscheint Israel weltweit zusehends als ein Staat, dessen Handlungen außer Kontrolle geraten


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Ausgabe 16/2024

Vom Al-Schifa-Krankenhaus ist nur noch Asche übrig

Vom Al-Schifa-Krankenhaus ist nur noch Asche übrig

Foto: AFP via Getty Images

In Gaza ist nach sechs Monaten ein Meilenstein erreicht und mit ihm eine spürbare Veränderung. Der Vertrauensvorschuss, den die israelische Regierung von ihren Verbündeten nach den Hamas-Angriffen erhalten hat, droht erschöpft zu werden. Für einen Großteil der Öffentlichkeit, die bereits unmittelbar nach dem 7. Oktober eine Waffenruhe befürwortete, war es immer klar, dass es zur Katastrophe kommen würde. Doch verschaffte der Schock des Überfalls der Hamas Benjamin Netanjahu und seiner Regierung bei Politikern und Medien weltweit einen Blankoscheck.

Vielleicht musste es zur Tötung von sieben internationalen Helfern von World Central Kitchen kommen, um endgültig einen Wandel herbeizuführen. Vielleicht kam der auch schrittweise z

n World Central Kitchen kommen, um endgültig einen Wandel herbeizuführen. Vielleicht kam der auch schrittweise zustande, weil Israel abtrünnig geworden ist. Was sich in den vergangenen Monaten von der Tonlage wie den Handlungen herauskristallisiert hat, das ist ein Staat, der Regeln in einer Weise bricht, die ihn statt einer demokratischen Gemeinschaft einer Kategorie von Gesetzlosen zuordnen lässt. Die israelische Regierung hat die Warnungen von Organisationen einer gesetzestreuen Welt, die sie angeblich in einer rückständigen und feindlichen Region vertritt, ignoriert und sich ihnen widersetzt, sie hat ihre Verbündeten schwach und hilflos erscheinen lassen, dazu ihre Innenpolitik destabilisiert.Es steht außer Zweifel, diese Regierung hat nicht nur überreagiert, sondern unbekümmert und schießwütig gehandelt. Ihre Geheimdienste sind unzuverlässig. Die Zeitung Haaretz berichtete kürzlich, dass die israelischen Streitkräfte in Gaza „Tötungszonen“ eingerichtet hätten. Jeder, der ihre unsichtbaren Linien überschreite, könne erschossen werden. Eine Untersuchung des israelisch-palästinensischen Magazins +972 und der hebräischsprachigen Website Local Call brachte eine schreckliche Mechanisierung des Krieges zutage: Das Militär nutzt KI-Systeme, um Ziele zu identifizieren, bei denen 15 oder 20 tote Zivilisten ebenso zulässig sind, wie dies bei Luftangriffen für das Töten von Personen zutrifft, die als rangniedrige Militante identifiziert wurden. Diese Angriffe werden in der Regel mit Munition durchgeführt, die unter dem Begriff „dumme Bomben“ bekannt ist. Sie werden komplexeren Waffen vorgezogen. Laut einem israelischen Geheimdienstoffizier möchte man keine teuren Bomben für unwichtige Menschen vergeuden.Der Präzisionsschlag gegen World Central KitchenIndem der Gazastreifen dem Erdboden gleichgemacht wird, stellt sich Israel gegen die internationale Gemeinschaft und hat so die ihm zugestandene Toleranz ausgereizt. Diese Toleranz resultierte nicht erst aus dem Hamas-Angriff, sondern weil Israel traditionell als Land gesehen wurde, das westliche politische und kulturelle Werte teilt. Es stand in dem Ruf, gesellschaftliche Freiheiten zu achten und globale Machthierarchien zu respektieren, wodurch es praktisch unerschöpflichen Beistand verdiente. Der Umgang mit den Palästinensern galt als unangenehmes Manko, das sich wegbügeln ließ.Aber Straffreiheit hat nicht nur für die Opfer einen Preis, auch für den Täter. Dieser Preis ist dann zu zahlen, wenn ein Staat aufhört, sein eigenes Verhalten regulieren zu können, und beginnt, sich selbst zu sabotieren. Dieser Punkt war erreicht, als ausländische Helfer mit Präzisionsraketen angegriffen wurden, Auto für Auto, bis sie tot waren. In den Augen derer, die den Tod Tausender Palästinenser als unglückliche, aber weit entfernte, vielleicht sogar zu rechtfertigende Tragödie betrachtet hatten, erschien ein Land, das Bürger verbündeter Staaten tötet, als außer Kontrolle geraten. Was geschah, hat Forderungen ausgelöst, die bis dahin, als Einschränkung von Israels Recht auf Selbstverteidigung, verurteilt worden wären. Der konservative britische Publizist Nick Ferrari rief zum Waffenboykott auf. „In den meisten Fällen“, schrieb er, „kann ich Israels Standpunkt verstehen“, doch manchmal sei „ein Freund nötig, um einem Freund zu sagen, was er falsch macht“. Der Angriff auf Helfer lasse sich „nicht verteidigen“.Eingebetteter MedieninhaltWenn ein selbst erklärter Freund Israels derart von den israelischen Streitkräften spricht, ist das ein Zeichen von Veränderung. Beamte im britischen Staatsapparat, die an Waffenexporten nach Israel beteiligt sind, erwägen rechtliche Schritte, da sie befürchten, sich persönlich schuldig zu machen. Dies könnte der Fall sein, sollte festgestellt werden, dass Israel rechtswidrig gehandelt hat. Würde das Blut näher an ihrem Zuhause vergossen, könnten es diese Leute an ihren Händen kleben sehen.Begeisterung der Soldaten, Hohn der PolitikerMöglich, dass Israel aufgrund der Dauer des Angriffs einfach die Luft ausgeht. Sechs Monate sind eine lange Zeit, um eine Militäraktion durchzuhalten, die so viel Wert auf Tempo legt und eine solche Bandbreite an Schrecken wie Eskalation mit sich bringt. Viele tote Zivilisten und dann noch der Hunger – all das geht in Bildern und Nachrichten um die ganze Welt, untermalt von der Begeisterung israelischer Soldaten und dem höhnischen Gerede von Politikern und offiziellen Sprechern. Sechs Monate sind eine lange Zeit, um einen derart intensiven Konflikt mit offenem Ende fortzuführen, in dessen Sog zusehends kulturelle Institutionen, Universitäten und Schulen geraten sind. Es ist nicht zuletzt eine lange Zeit für arabische Regierungen, die entlang feiner Linien manövrieren, um gute Beziehungen zu den USA aufrechtzuerhalten, und sich wegen der regionalen Stabilität Sorgen machen, während sich der Krieg ausbreitet. Die Wut angesichts der Zustände in Gaza wächst und lastet auf nicht frei gewählten Regierungen, die keine zusätzliche Unzufriedenheit brauchen können. Auf sehr vielen Ebenen ist die globale Politikmaschine wegen des Gaza-Konflikts heißgelaufen.Anfang April hat US-Präsident Joe Biden dem Vernehmen nach per Telefon sein bisher schärfstes Gespräch mit Israels Premier Benjamin Netanjahu geführt. Erstmals soll er nahegelegt haben, dass weitere Unterstützung an Bedingungen geknüpft sei. Biden verlangte eine Reihe konkreter und messbarer Schritte, um weiteres humanitäres Leid abzuwenden und die Sicherheit der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu gewährleisten. Vor allem sollte eine sofortige Waffenruhe ausgehandelt werden. Diese Veränderungen im Ton und beim Inhalt erhobener Forderungen begannen zu wirken und erlaubten es nicht länger, die öffentliche Meinung und Demonstrationen zu diskreditieren oder herunterzuspielen.Der Kurswechsel unter Israels Freunden ist willkommen, wenn er dazu beiträgt, das Ende des Krieges zu beschleunigen. Freilich wird dies von der Grunderkenntnis flankiert, dass alles bisher Geschehene nicht vorhersehbar war und nicht hätte verhindert werden können.Placeholder authorbio-1



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Von Veritatis

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