Zeitgeschichte Eugen Ruge streift mit „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ das Thema familiärer Wärmespeicher um Weihnachten wie schon Thomas Mann in den „Buddenbrooks“. Über den Nutzen von Festbräuchen, im Episodischen die Epoche anklingen zu lassen


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Ausgabe 51/2022

Oppulentes Mahl und weihnachtliches Zeremoniell: In der Literatur steht das Christus-Fest nicht selten für einen Paradigmenwechsel

Oppulentes Mahl und weihnachtliches Zeremoniell: In der Literatur steht das Christus-Fest nicht selten für einen Paradigmenwechsel

Irina Petrowna hält die Familie zusammen. Besonders ihre fast schwarz gebratene, vorzüglich krustige Klostergans soll das schaffen. Opulent gefüllt mit Aprikosen, Quitten, Winterbirnen, Rosinen, Esskastanien, zubereitet für das Fest der Andacht und familiären Eintracht, begangen in Irinas Haus an der Thälmannstraße in Neuendorf bei Berlin. Dem Weihnachtsessen zum Heiligen Abend sind zwei Kapitel gewidmet in Eugen Ruges 2011 erschienenem Bestseller In Zeiten des abnehmenden Lichts. Sie spielen 1976 und 1991. Dazwischen liegen ein Epochenbruch, der Untergang eines Staates, gesellschaftliche Verführung und Verlust.

Als Irina Petrowna am 24. Dezember 1976 mit ihrer Klostergans zum Tafeln bittet, sitzt ihr Schwiegervater, der aufreizend dogmatische Systemv

dogmatische Systemveteran Wilhelm Powileit, mit am Tisch, daneben seine Frau Charlotte, die mit ihm nach 1933 erst in die Sowjetunion, dann nach Mexiko emigriert war. Ebenfalls dabei ist Charlottes Sohn, Kurt Umnitzer, Irinas Ehemann, ein überzeugter Sozialist und renommierter Historiker. Während des sowjetischen Exils hat er als „Volksfeind“ Jahre in einem Straflager gelitten und dort seinen Bruder verloren. Die Tafelrunde komplettieren Irinas und Kurts Sohn sowie dessen Freundin. Sascha wurde noch in der Sowjetunion geboren, bevor die Eltern in die DDR übersiedeln konnten – und wollten.Ein familiäres Stillleben mit dem Zeug zum Zeit- und Sittenbild, sofern dem Betrachter die Nuancen auffallen. Irina dient mit ihrem burgundischen Rezept nicht nur dem bürgerlichen Ritual einer atheistischen Familie, die der DDR loyal zugetan ist. Sie überlässt sich zugleich einer fremden Kultur. In ihrer Heimat wird statt der Geburt Jesu das Jolka-Fest gefeiert und „Väterchen Frost“ als legendärer Gestalt der slawischen Mythologie gehuldigt. Irina weint dem keine Träne nach und kostet das Behagen aus, dem ärmlichen Dasein in ihrem Geburtsort Slawa tief im Osten Russlands entronnen zu sein. Jeder Buttersud, jeder Schuss Kognak für den Braten, jeder Löffel Senf zum Grünkohl entschädigen für eine Nachkriegskindheit, in der sie von halbverfaulten Kartoffeln gelebt hat. Wird dank ihres Festessens der familiäre Wärmespeicher aufgefüllt, soll ihr das recht sein, zuallererst jedoch genügt sie sich selbst. Wer ihr das nimmt, nimmt ihr fast alles. Egal, ob Weihnachten eher überstanden als begangen wird – es muss sein, es darf nicht anders zelebriert werden, um sich des hart erkämpften Platzes in einer kleinen Welt zu versichern, die vor der großen nie sicher sein kann. Irina sagt nichts davon, sie weiß es umso besser.Eugen Ruges Ansinnen, mit Hilfe des Episodischen das Epochale anzudeuten, dessen grobe Linien mit feinem Strich ausgemalt sein wollen, ist dem Genre der Familiensaga seit jeher vertraut. Das weihnachtliche Zeremoniell liefert Erzählstoff, um die Fallsucht einer mutmaßlich gottgewollten Ordnung zu erkunden oder den Lichterglanz auf strahlende wie sterbende Gesichter zu lenken. In den Romanen Theodor Fontanes schwebt stets Zeitgeist über den Fest- und Gabentischen, um ein verlässlicher Herold zu sein, der von menschlichem Befinden ebenso kündet wie von aufziehenden Gewitterfronten. In seinem Debütwerk Vor dem Sturm bestärkt der Heilige Abend von 1812 die Familie des märkischen Junkers Berndt von Vitzewitz in ihrem Willen, ins morsche Gemäuer der napoleonischen Fremdherrschaft hineinzustoßen – koste es, was es wolle. In Effi Briest spürt eine junge Frau während der Feiertage, wie sehr eine missglückte Ehe einem unglücklichen Leben zur Hand geht. Im Stechlin lässt der Besuch des kurz vor der Vermählung stehenden Woldemar und seiner Braut im Haus des Vaters die Ahnung reifen: Wie der Stern des Paares aufsteigt, wird der des Schlossherrn, des alten Dubslav von Stechlin, fallen und verglühen. Und mit ihm eine Zeit vergehen, die gütige Aristokraten wie ihn ertrug. Placeholder infobox-1Als Thomas Mann im II. Teil der Buddenbrooks erstmals auf die Weihnachtsbräuche einer wohlbestallten Lübecker Kaufmannsfamilie Mitte des 19. Jahrhunderts zu schreiben kommt, schildert er ein heiliges Ritual in einer heilen Welt. „Man bekam Herzklopfen, so festlich war es.“ Die Konsulin las „aus der alten Familienbibel mit den ungeheuerlichen Buchstaben langsam das Weihnachtskapitel“, und im Zimmer der Bescherung reichte „die Geschenktafel von den Fenstern bis zur Türe“. Ein Karpfen in Butter und „ein Puter“ werden verspeist, auch der opulent gefüllt – mit Nüssen, Datteln, Feigen, Orangen, Mandeln. „Jauchze laut, Jerusalem“, schmettert ein Knabenchor, während die „Hausarmen“ mit vor Kälte blauroten Händen auf Almosen der Barmherzigkeit warten.Mit den Jahren allerdings ist in Lübeck der renditebewusste Bourgeois mehr gefragt als der rechtschaffene Citoyen. Senator Thomas Buddenbrook, Firmenerbe und Familienoberhaupt, ist dem Geschäftsleben modernen Stils so wenig gewogen wie gewachsen. Seinen Unternehmungen fehlen Schwung, Fortune und der erhoffte Ertrag. Für die Familie bleibt das nicht ohne Folgen, aber so sehr sie die Tragik des Niedergang erfüllt, so wenig darf an Pracht und Prunk des Weihnachtsfestes gerüttelt werden. Als Thomas Mann im VIII. Teil seines Buches noch einmal das Procedere aufgreift, geschieht das wenig andachtsvoll, teils mit glossierendem Unterton.Einer der ersten Absätze des Kapitels beginnt mit dem Satz: „Den Heiligen Abend hielt die Konsulin fest in Besitz, und zwar für die ganze Familie …“ Sie tut es mit der Passion einer fiebernd Abgehobenen. Wieder kann es festlicher kaum sein, darf vor der Bibelverlesung kein überflüssiges Wort gesprochen werden, was Thomas Buddenbrook flüstern lässt, die Stimmung „gemahne ein wenig an die eines Leichenbegängnisses“. Aber dann sprengt sein Bruder, der Lebemann Christian, die morbide Erstarrung. Als die Festgesellschaft in den Saal der Bescherung defiliert, geht „Unziemliches“ von ihm aus, „indem er beim Marschieren die Beine hob wie ein Hampelmann und albernerweise ‚O Tantebaum‘ sang“. Ein heidnischer Affront parodiert das süßliche Aroma des Kults. Hat man sich zu Tisch begeben, wird „alsbald mit Karpfen in aufgelöster Butter“ eröffnet. Senator Buddenbrook löst ein paar Schuppen, die in sein Portemonnaie wandern, damit im neuen Jahr das Geld nicht ausgeht. Es kommt anders. Entgegen der Firmentradition und ihrer Maxime: „Sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass du nachts gut schlafen kannst“, kauft er von einem hochverschuldeten Landadligen zum Schleuderpreis die „Ernte auf dem Halm“, was hohen Gewinn verspricht – bis sommerlicher Hagelschlag sämtliche Getreideschläge zerstört. Die Buddenbrooks haben es versucht, aber finden keinen Anschluss mehr an eine Epoche des Kommerzes ohne Pietät. Sie sind verloren. Und das unwiderruflich.Wenn Eugen Ruge in seinem Buch das Repertoire eines Weihnachtstages bei den Umnitzers nochmals streift, sind 15 Jahre vergangen. Am 24. Dezember 1991 schiebt Irina Petrowna wie gehabt ihre Klostergans in die Röhre. Auch sie hält Heiligabend so „fest in Besitz“ wie einst die Konsulin in Lübeck, weil auch hier der Familie Ungemach, vielleicht sogar Unheil drohen und das verfluchte Slawa mit seinem Herbst des „abnehmendem Lichts“ wieder näher rückt, als ihr lieb sein kann. Die berufliche Existenz Kurt Umnitzers steht auf dem Spiel, man könnte das Haus an der Thälmannstraße verlieren, falls der Alteigentümer das so will. Und die Familie hat das Stadium Schwundstufe und Verfall erreicht. Wilhelm Powileit ist 1989 am Abend seines 90. Geburtstags gestorben, seine Frau Charlotte liegt im Pflegeheim, Sohn Sascha lebt im Westen, wohin er ging, bevor die DDR das Weite suchte. Irina verrichtet trotz allem ihren Küchendienst und betäubt die Verzweiflung mit Whisky, der nichts hilft und keinen Kummer löscht, schon gar keinen Schwelbrand im Herd, der ihre Klostergans diesmal nicht schwarz und knusprig, sondern grau und ungenießbar sein lässt. Asche zu Asche. Auch das unwiderruflich.



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Von Veritatis

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