Nachruf Er trat der Reinwaschung der Wehrmacht entgegen und begleitete die Gründung der Bundeswehr kritisch, heute fehlt sein kluger Blick auf Krieg und Frieden mehr denn je: Der Militärhistoriker und Jurist Manfred Messerschmidt ist gestorben


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Manfred Messerschmidts Blick auf Krieg und Frieden fehlt. Gerade jetzt

Manfred Messerschmidts Blick auf Krieg und Frieden fehlt. Gerade jetzt

Mit 96 Jahren ist einer der bedeutendsten Militärhistoriker Deutschlands am 19. Dezember 2022 in Freiburg im Breisgau gestorben. Manfred Messerschmidt, 1926 in Dortmund geboren, kämpfte noch als junger Wehrmachtssoldat und hatte das Glück, im letzten Kriegsmonat von einem neuen Leutnant befehligt worden zu sein, der ihn und seine Kameraden nach Hause schickte. Die Wehrmachtsjustiz machte mit Deserteuren kurzen Prozess, ermordete viele eigene Soldaten, bis die Kapitulation am 8. Mai 1945 diesem Treiben ein Ende bereitete.

Das prägte den Heranwachsenden Messerschmidt fürs Leben. Er studierte zunächst in Münster Geschichte, bevor er nach Freiburg ging, 1954 beim Historiker Gerhard Ritter promovierte, dann Rechtswissenschaften studierte, mit dem zweiten jurist

ten juristischen Staatsexamen 1962 auch sein zweites Studium abschloss, das sich aus seinen Erfahrungen zwingend ergeben hatte. Zeit seines Lebens fühlte er sich dem Aufarbeiten der deutschen Geschichte verpflichtet, die auch seine war. Deshalb galt sein wissenschaftliches Forschen auch dem Wirken der NS-Justiz.Der Aufklärer publizierte zentrale Ergebnisse seiner Forschungen, so unter anderem 1987 zusammen mit Fritz Wüllner Die Wehrmachtjustiz im Dienste des Nationalsozialismus. Zerstörung einer Legende. Als Mitglied der internationalen „Waldheim-Kommission“ (1987/88) trug er zur Aufklärung der Affäre um den ehemaligen UN-Generalsekretär und österreichischen Bundespräsidenten bei. Im Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr und bei altgedienten Wehrmachtssoldaten und Ritterkreuzträgern, insbesondere in Führungsetagen von CDU/CSU und FDP, erfuhr er Widerstand. Er war ihnen zu kritisch.Widerstand in der Adenauer-ÄraEs war vor allen Dingen Widerstand der Kriegergeneration, die in der Bundeswehr – nun in der Adenauer-Republik – reüssierte, ihre Geschichte umschrieb, ihre „Verstrickung“ in die Verbrechen der Wehrmacht, in die Planung, Ausführung und in Kooperation mit den SS- und Polizei-Einheiten leugneten, um so ihren Mythos von der sauberen Wehrmacht zu generieren, sich reinzuwaschen.Seine bedeutende und bis heute nachwirkende Rolle in der kritischen deutschen Geschichtsschreibung zu Militär, Politik und Gesellschaft konnte er mit seiner inneren Gelassenheit, Ausdauer und mit der Hilfe ihn stützender Persönlichkeiten und Amtsträger ausfüllen. Spät, noch zur rechten Zeit stellten Reformkräfte die Regierung: So stand der erste sozialdemokratische Kanzler Willy Brandt 1969 nicht nur für Entspannung im Ost-West-Konflikt und eine neue Ära, sondern auch für eine neue Politik in anderen Ressorts.Die Ernennung Manfred Messerschmidts zum Leitenden Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr 1970 durch den „Bürgerpräsidenten“ Gustav Heinemann, vorgeschlagen vom obersten Dienstherrn, Verteidigungsminister Helmut Schmidt, brachte den politischen Willen zur Reform zum Ausdruck. Schmidt ließ vorher prüfen, wer für die schwierige Aufgabe infrage käme und geeignet schien, gegen starke Widerstände eine Reform des Bundeswehr-Ausbildungssystems durchzusetzen.Den Kriegertraditionalisten in der Bundeswehr sollte Einhalt geboten werden. Sie sollten lernen, vom Frieden her zu denken, nämlich wie der zu erhalten und zu entwickeln sei. Dem Krieg als scheinbar unvermeidlichem Geschehen sollte mit aufklärendem Wissen und Instrumentarien des Handelns begegnet werden, auch die Gründung der Friedensforschungsinstitute gehört zu dieser Reform. Angesichts des heutigen Medienlärms um Waffenlieferungen und kriegseskalierender Dynamik im Verteidigungskrieg der Ukraine gegen Russland und einer neuen Generation von Militärexperten und Militärhistorikern, die Kriegern und Kämpfern das Wort reden, droht das Wirken kritischer Wissenschaft, auch der Militärgeschichtsschreibung anachronistisch zu werden.Wie er auf Russlands Überfall geblickt hätteDoch es darf vermutet werden, dass der Aufklärer Messerschmidt nicht von heute aus auf den Krieg geschaut hätte wie viele „Experten“, sondern wahrscheinlich die zentrale Frage eingeworfen hätte: Was haben wir unterlassen, diese Entwicklungen zu verhindern? Und andersherum: Haben wir, haben Deutschland und Europa, alles unternommen, um dieses Treiben zum Krieg hin zu verhindern? Noch nach dem Überfall Russlands hätte Messerschmidt nach den abertausenden Toten gefragt, den Opfern, die rechtlos dem Geschehen unterworfen werden, geopfert werden, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie haben das Recht und die Überlebenden die Pflicht, dass nach Alternativen zum Krieg ernsthaft gesucht, und Wege gefunden werden.Soll der Ernstfall Frieden, von dem aus Gesellschaften zu erdenken und zu gestalten seien, an der Ohnmacht der Mächtigen gescheitert sein? Soll also die Rationalität von Macht und Rüstung siegen, weil Frieden nicht zu planen ist?Die Reform des Bundeswehr-Ausbildungssystems machte die Gründung von Universitäten der Bundeswehr möglich. In der am 12. November 1955 gegründeten Bundeswehr erlangten alte Kämpfer und Krieger der Wehrmacht, sogenannte Traditionalisten, ein großes Gewicht – nicht zuletzt durch das Umfeld des ehemaligen Generalstabschefs des Heeres, Franz Halder, der unter Hitler den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion (Fall „Barbarossa“), ausgearbeitet hatte. Wenn schon eine Bundeswehr nicht verzichtbar sei, sollen die Studenten wenigstens lernen, was freie Wissenschaften zu leisten imstande sind, und was es bedeutet, Bürger in Uniform zu sein. Die Bundeswehr-Universitäten und das 1974 gegründete Sozialwissenschaftliche Institut in München sollten Wissen, Bildung und Methoden zum Verständnis und zur Stärkung der Demokratie vermitteln, anstatt Kriegerideologien.Die Debatte zur WehrmachtsausstellungMesserschmidt war also Aufklärer und Wegbereiter der „wirklichen“ Geschichte. Das hieß für ihn eine Geschichtsschreibung, die kritisch Quellen verarbeitet, sie von allen Seiten beleuchtet, gerade das, was aktuell nicht in einem erforderlichen Maße geschieht. Noch im Streit um die Ausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 – 1945, der nach 1995 die historische Identität Deutschlands erschütterte, griff er – längst im Ruhestand – aufklärend in die von rechts aufgeheizter Stimmung ein, beruhigend, eindeutig und klar sich als Humanist und Kritiker bekennend.Einer, der in heutigen Zeiten, das wird immer deutlicher, fehlt, einer, der in der Lage ist, historische Fakten zu kennen, sie kritisch zu betrachten, sie aus der Distanz von allen Seiten und Interessen zu analysieren, Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, die dem Frieden dienen und nicht der Kriegsverlängerung – er fehlt uns.



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Von Veritatis

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